Streiflichter

Helsinki, diese auf den ersten Blick überschaubare, einheitliche Stadt hat doch bei genauerer Betrachtung ihre spezifischen Milieus, ihre Viertel, da wo Nachbarschaften entstehen, Traditionen haften, Verwurzelung im Großstadt -Dschungel zu spüren ist, wo Armut oder Geld das Leben bestimmten, wo Geschäfte das Straßenbild beherrschen, Wohnhäuser sich reihen oder die Kunst zu Hause ist, ein architektonischer Stil die Federführung hat. Das schafft Identität und Heimat in der Vielfalt.

Schauen wir auf das Zentrum, auf den Senatsplatz. Er atmet Geschichte, russische Vergangenheit, ebenso wie Unabhängigkeit. Hier treffen Regierung und Wissenschaft aufeinander und hier trifft sich das Volk - mal zu Fest und Musik, mal zu Ehren der Republik. Ihrer Republik - die Finnen sind Patrioten, jenseits aller politischen Differenzen. Kruununhaka verlängert den Blick in die Geschichte und ins Staatstragende und präsentiert Ständehaus, Ritterhaus, Bank von Finnland. Dicht bebaut verdienen Seitenstraßen Beachtung, die gerade in Details Charme und Beschaulichkeit ausstrahlen.
Dann der Marktplatz, der Südhafen. Fisch und frisches Obst und Blumen und Fisch und Souvenirs und Kartoffeln und wieder Fisch. Täglich frisch, auch des Winters, was Scholle und Meeresgarten so bieten. Hier trifft man Typen, wie wohl auf allen Märkten der Welt, sympathische Originale. Wie schön doch Kaffee aus dem Pappbechern bei Minusgraden im orangenen und beheizten Zelt schmecken kann! Das Hafenbecken: Im Sommer Rundfahrten, im Winter Eisschollen und immer links und rechts Raum beanspruchende Ostseefähren, schwimmende Getüme, fast stetig auf Achse. Regelmäßig tuckert die Fähre des Nahverkehrs selbst bei Eis und Wind nach Suomenlinna. Die Inselgruppe, einst "Gibraltar des Nordens" getauft, ist jetzt Weltkulturerbe der UNESCO. Herrlich im Sommer, herrlich - etwas einsamer - im Winter. Spaziergang durch alte Mauern und nach Besichtigung der Museen ein heißer Glöggi-Glühwein für Körper und Seele am Fähranleger. Gut 900 Menschen wohnen übrigens auf Suomenlinna. Von wegen museale Felsen und Ruinen.
Was wäre Helsinki ohne seine Inseln? Seurasaari braucht man für Mittsommer und sowieso, Pihlajasaari wegen der Badestrände, Harakka dicht am Kaivopuisto, weil es Naturschutzgebiet ist und Künstler beherbergt, und weiter: Uunisaari bis Kaunissaari. Alle reizvoll, alle eigen-artig.
Vom Südhafen aus erstreckt sich der Kaivopuisto, vorgelagert noch die Deutsche Kirche, der Observatoriumsberg (ja, schauen Sie dort ruhig in die Sterne), das Botschaftsviertel. Aber dann doch dieser wunderbare Park, weitläufig, geschwungen, sich dem Meer öffnend. Welch Sonnenuntergänge! Nicht weit folgt der kleine Stadtteil Eira, das Jugendstiljuwel. Gewundene Straßen, schöne Fassaden fast ein kleines Dorf inmitten fremder Umgebung.
Aber zurück zum Südhafen und ein Schwenk Richtung Katajanokka. Eigentlich auch eine Insel, aber mit fester Anbindung und mit der Orthodoxie auf dem Hügelthron. Früher ein Viertel für arme Leute, Arbeiter, Handwerker, Werftbetriebe. Heute mit aufwändig renovierten alten Lagerhallen, die jetzt Gourmetrestaurants und feinen Geschäften Platz bieten, mit Außenministerium und Eisbrecherflotte, falls die nicht gerade PS-starken Dienst schieben muss. Und mit einigen fast kompletten Straßenzügen im finnischen Jugendstil. Gesellius, Lindgren und Saarinen sei Dank.
Wagen wir einen Gang über die Pitkäsilta, die Lange Brücke, queren wir den Sund. Damit lassen wir das bürgerliche Helsinki zurück, stehen auf dem Boden von Hakaniemi und Kallio. Arbeitergrund. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Brücke in der Tat noch eine soziale Trennlinie. Auch Lenin suchte hier dereinst mal Zuflucht. Das ist lange her, aber die Wunden des Bürgerkriegs zu Beginn der Unabhängigkeit Finnlands zwischen sog. Roten und Weißen vernarbten erst nach Jahrzehnten. Wo wir gerade hier sind: Wie wäre es mit einem Besuch der nahen Zooinsel und von Mustikkamaa, wieder zwei umspülte Oasen in einer ohnehin grünen Stadt.
Jetzt aber wieder mitten ins Getümmel: Das Zentrum bietet Geschäfte und Geschäftigkeit und Erholung durch seine Cafés und Restaurants und Kulturstätten. Ja, auch das Flanieren entlang der Esplanaden, der Aleksanterinkatu, der Verlockungen in den Nebenstraßen kann anstrengend sein. Ja, hier ist Helsinki international, bunt und weltoffen. Hier hört man ein wenig Babylon. Menschenströme auch rund um den Hauptbahnhof und an der Mannerheimintie, dem Rückgrat der Stadt, ein automobiler Nervenstrang. Vergleichbar dem parallelen Band der Eisenbahnschienen, die im Kopfbahnhof geboren, ihren Weg durchs Nadelöhr Pasila, vorbei an Messe und Kongresshallen nehmen und schließlich ganz Finnland erobern.
Bevor wir der Mannerheimintie folgen, schnell über die Straße des Marschalls und in den Bulevardi eingebogen. Schön ist es im Schatten der Bäume zu flanieren. Die alte Kirche begegnet uns, die alte Oper. In den Querstraßen Boutiquen, Szene-Treffs, Galerien und Antiquariate, hier lebt und gedeiht in jeder Form Altes neben Jungem. Am Ende des Bulevardi steht der Stadtwanderer nicht nur am Marktplatz von Hietalahti, sondern auch vor der berühmten Masa-Weft. derzeit in norwegischer Hand. Hier wurden und werden Qualitätsschiffe gebaut. Andere Werft- und Industrieplätze verschwinden. Gleich nebenan Ruoholahti, auf eben solchem Grund aus dem Boden gestampft, moderne Stadtarchitektur, Kanäle, Hafen und Kaapelitehdas, die alte Kabelfabrik, eine der wichtigsten experimentierfreudigen Kulturstätten Helsinkis, Heimat für viele Kunstgattungen.
Weiter aber doch jetzt entlang der Mannerheimintie, auf ihren ersten Kilometern noch sehr innerstädtisch. Rechts die Reiterstatue des Präsidenten und Heerführers. Dahinter kann man Kiasma, den fantatischen Museumsbau, nicht übersehen. Den dahinterstehende Glasturm der auflagenstärksten Zeitung Helsingin Sanomat auch nicht. Dann links das Parlament, rechts die Finlandia Halle, sofort links das Nationalmuseum: So geht es jetzt Schlag auf Schlag. Gut, dass rechter Hand die Töölö-Bucht und ihr Parkstreifen feine Orientierung bieten. Den Stadtteil Töölö zeichnen große alte Wohnblocks, geräumige Innenhöfe. So nahe am Zentrum, sprechen seine Bewohner doch davon, in die Stadt zu fahren, wenn sie vier Stationen mit der Straßenbahn zu Stockmann wollen. Und dann auch schon am Ende der Bucht die neue Oper, stets gut besucht. Es gibt wohl kaum ein Land, in dem pro Kopf so viele neue Opern entstehen und präsentiert werden. Und kaum ein Land mit so einer Dichte an hervorragenden Sängern und Dirigenten. Früher Schulförderung und der Sibelius-Akademie sei Dank.
Schluss mit Kunst, jetzt kommt der Sport und mit ihm das Olympiastadion und das neue Fußballstadion. Noch so ein Faible der Finnen: Sport ohne Ende. "Hyvä Suomi", der einfache, aber inbrünstig vorgetragene Schlachtruf, der nicht andere nieder machen soll, sondern den eigenen Mann, die eigene Frau pushen. Denn fair sind sie in aller Regel, die Finnen. Ach, wissen Sie was? Greifen Sie den Faden doch jetzt selber auf - machen Sie Ihre eigene, ganz persönliche Stadterkundung.
Ein letzter Tipp: Fahren Sie mit der Tramlinie 1 nach Käpylä, nach Puu-Käpylä, einem alten Viertel mit Holzhäusern. Gerade auch zur Winterzeit versprühen die Häuser in einfachem, klassischem Stil mit ihren großen Gärten einen ganz besonderen Charme. Oft noch aus den 1920er Jahren stammend, vermitteln sie eine ruhige und beschauliche Vorstadt-Szenerie.

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