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Leben auf dem Vulkan

Island - auf Feuer gebaut und von Eis bedeckt. Im Oktober 1996 war es wieder mal so weit. Unter dem mächtigsten Gletscher Europas brach ein Vulkan aus, Wochen später schoß eine gigantische Flutwelle unter dem Gletscher hervor und überschwemmte einen ganzen Landesteil. Öffentlichkeit und Wissenschaftler saßen in der ersten Reihe, weltweit.
Für Isländer jedoch nichts ungewöhnliches.
Sie leben auf dem Vulkan.


Vor 17 Millionen Jahren begann das Schauspiel der Entstehung Islands, bis heute ist es nicht abgeschlossen. 99 % der Insel bestehen aus vulkanischem Ergußgestein. Seit Beginn der Besiedlung gab es rund 200 Ausbrüche, im Schnitt alle sechs Jahre.

Ein knappes Zehntel der Insel ist von nacheiszeitlicher Lava bedeckt, ein Drittel des Landes gehört heute zur vulkanisch aktiven Zone. Einmal eruptierende Vulkanspalten finden sich ebenso wie jahrtausendelang tätige Zentralvulkane, formschöne flache Schildvulkane ebenso wie symetrisch steile Ringwallkrater.

Lavaströme und Aschewüsten bedecken das Land, in den Solfatarenfeldern blubbern und brodeln schwefelstinkende Schlammlöcher, andernorts schleudern Geysire ihre kochendheißen Wasserfontänen in den Himmel.

Der berühmteste Vulkan Islands ist die Hekla, die im Mittelalter in ganz Europa als Tor zur Hölle berüchtigt war. Ihr letzter großer Ausbruch fand 1947 statt, ein kleinerer im Januar 1991. Fernab dichtbesiedelter Gebiete zerstörte sie über die Jahrhunderte fruchtbare Weidegebiete. Die Westmänner-Inseln vor der Südküste haben in den 60er Jahren von sich reden gemacht, als von 1963-67 nach einer Eruption auf dem Meeresboden die Insel Surtsey sich aus den Fluten erhob. Kaum waren die Inseln zur Ruhe gelangt, riß 1973 mitten in der Nacht und ohne jede Vorwarnung im Vorgarten des Fischerdorfes Heimaey die Erde auf. Ein Drittel des Ortes wurde in den nächsten Monaten unter der Lava begraben. Doch bereits in den ersten sechs Stunden waren nahezu alle 5.000 Einwohner evakuiert.

Von 1975-84 entleerte sich in mehreren Schüben eine gigantische Magmablase nordöstlich des Myvatn über die kilometerlange Leirhnúkur-Spalte. Erdbeben erschütterten die Region, und zeitweise wurde über die Evakuierung der Siedlung Reykjahlíth am nördlichen Seeufer nachgedacht.

Bei keiner der Eruptionen in diesem Jahrhundert kamen Menschen zu Schaden, und so blickt ein Großteil der Insulaner mit stoischer Ruhe auf das Feuer aus dem Erdinnern. Ist es doch nicht nur Bedrohung, sondern in gleichem Maße auch Segen. 98 % der Bevölkerung in Reykjavík ist inzwischen ans Fernwärmenetz angeschlossen, das sich aus heißem Wasser aus dem Erdinnern speist. Reykjavík ist so die wohl einzige rauchfreie Hauptstadt der Welt. Jahr für Jahr werden mehr und mehr Straßen und Fußwege dort für den kalten Winter mit einer "Fußbodenheizung" ausgestattet. In den heißwassergeheizten Gewächshäusern werden Gemüse und Blumen gezogen, und auf heiße Freibäder im Winter wird heute kein Isländer mehr verzichten.

(Oliver Nyul)