Biografie einer lebenden Legende
Es
gibt wohl kaum etwas Heikleres, als die Biografie einer lebenden Legende
zu verfassen. Noch dazu, wenn man seit über dreißig Jahren mit ihr befreundet
ist und obendrein beruflich wie geografisch dieselben Wurzeln hat: den
Journalismus und Småland. Die langjährige Kulturredakteurin der Kinderbuchseite
in der Tageszeitung »Dagens Nyheter«, Margareta Strömstedt, hat »ein
Lebensbild« von Astrid Lindgren verfasst; zuerst in den Siebzigern,
jetzt überarbeitet und ins Deutsche übersetzt, in dem sie weit ausholt,
um das Porträt einer Frau zu skizzieren, die auch kein Picasso mit einem
einzigen Pinselstrich festzuhalten vermag. Unterm Strich ist ihr das
gelungen, auch wenn einige Passagen ein wenig zu detailverliebt erscheinen
und manchmal die enge Familienbande in freundlichem Plauderton etwas
überstrapaziert wirkt. Dennoch überzeugt diese Biografie, indem sie
fein herausmeißelt, wie und warum Kindheitsträume wie Bullerbü, Pippi,
die Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter durch eine erwachsene Frau
Sprache finden konnten und somit weltweit Millionen von Lesern. Sie
überzeugt, weil sie auch unbekannte Seiten Astrid Lindgrens aufdeckt,
die sich scheinbar gar nicht mit der Bullerbü-Idylle vereinbaren lassen:
den mit 18 Jahren geborenen Sohn, der zunächst in eine Kopenhagener
Pflegefamilie gegeben wurde, Astrids Tätigkeit für die Zensurbehörde
während des Krieges, später dann ihr Engagement für die Rechte der Schwarzen,
nachdem sie 1948 während einer Amerikareise erstmals deren Unterdrückung
direkt erlebte. Selbst als Greisin hatte Astrid Lindgren während der
vergangenen drei Jahrzehnte noch den Elan, sich zu aktuellen Themen
der schwedischen Gesellschaft wie der Steuerpolitik und dem Tierschutz
heftig zu Wort zu melden; mit Konsequenzen, die Strömstedt in ihrer
Biografie ausführlich dokumentiert. Schwarzweißfotos aus allen Lebensstadien
ergänzen das facettenreiche Lebensbild. (ms)
Margareta
Strömstedt: Astrid Lindgren, ein Lebensbild. Aus dem Schwedischen
von Birgitta Kicherer.
Oetinger Verlag 2001, DM 48, sFr 48, ISBN 3-7891-4717-6