Morten,
Pål & Magne Vom belächelten Boygroup-Saulus zum unterhaltsamen
Pop-Paulus A-ha feiert ihr 20-jähriges Band-Jubiläum - mit einer
neuen Live-CD, zu der die Band in Hamburg Rede und Antwort stand.
Mitte der Achtziger hatte auch Norwegen endlich
seine Boygroup. Und was für eine: Die Poster von A-ha, besonders
jedoch die von Sänger und Mädchenschwarm Morten Harket hingen
in den Achtzigern so zahlreich in Teenie-Zimmern wie in den
Neunzigern die von Take That und schließlich den Backstreet
Boys. Als A-ha jedoch an den Start ging, gab es freilich noch
keine Castings, dank derer man heutzutage Jungstar-Gruppen quasi
am Reißbrett zusammenwürfelt. Eigeninitiative war gefragt, und
die bewiesen A-ha: Im Januar 1983 brachen die drei Osloer nach
London auf, um bei den Talentscouts der Musikbranche die Klinken
zu putzen. Nach vielen Anläufen und noch mehr Demo-Aufnahmen
erkannte schließlich der Konzern Warner das Potenzial und nahm
A-ha unter Vertrag - vornehmlich wohl deshalb, um eine Konkurrenz
zu den damals erfolgreichen Duran Duran zu etablieren.
Eighties: drei Gold-Alben,
acht MTV-Awards
Und der Start glückte auf Anhieb: Sänger Morten Harket, Gitarrist
und Chefkomponist Pål Waaktaar-Savoy und Keyboarder Magne "Mags"
Furuholmen landeten gleich mit der ersten Single "Take On Me"
einen Welterfolg. Folge-Hits wie "The Sun Always Shines On TV",
"Hunting High And Low" oder das für den gleichnamigen James-Bond-Film
geschriebene "The Living Daylights" bewiesen, dass das Trio
nicht gleich als Eintagsfliege wieder abstürzte: Zehn Top-Ten-Singles,
drei in Deutschland vergoldete Alben, acht MTV-Awards und bis
zu 200.000 Zuschauer pro Konzert sind nur einige der überzeugenden
Fakten, mit denen sich A-ha behaupten. Gleichwohl liebten damals
vor allem (weiblichen) Teenies die drei Jungs; von den Erwachsenen
wurden sie allenfalls milde belächelt. Eine Einschätzung, der
Morten Harket rückblickend nur zum Teil widerspricht: "Ich finde
nicht, dass unsere Musik in den Achtzigern weniger reif war.
Sie war später vielleicht erwachsener verpackt, und wir selbst
waren natürlich viel älter und erwachsener."
Nineties: Solo-Karrieren
Nach dem Album "Memorial Beach" 1993 wird es recht still um
A-ha. Es scheint, als wollten die drei Pop-Stars nun doch erwachsen
werden. Magne widmet sich der bildenden Kunst und versucht sich
an Soundtracks. Pål benutzte derweil den Nachnamen Savoy seiner
Frau Lauren, um eine kommerziell beachtete, künstlerisch jedoch
wenig überzeugende Solo-Karriere auf den Spuren des Brit-Pop
zu starten. Ausgerechnet Morten Harket, jener immer etwas naiv
wirkende Sunnyboy mit der glockenhellen Knabenstimme, überrascht
mit den geschmackvollsten und nachdenklichsten Solo-Alben: Die
beiden norwegisch gesungenen "Poetenes Evangelium" und "Vogts
Villa" sowie das englische "Wild Seed" kennzeichnen den Mädchenschwarm
sogar als ausgesprochen sensiblen und feingeistigen Songwriter.
Leider erhielten diese wirklich exquisiten Aufnahmen nie die
verdiente Aufmerksamkeit und sind sogar in Deutschland bis heute
nur teilweise erhältlich.
2000: Comeback wie ein
Paukenschlag
Jeder der drei A-ha-Musiker hatte also seine künstlerische Verwirklichung
gesucht - und gefunden. Es wurde wieder Zeit, Geld zu verdienen,
wohl auch ermutigt durch den Erfolg anderer wieder aktueller
Eighties-Bands wie New Order oder Depeche Mode. 2000 melden
sich Harket, Waaktaar-Savoy und Furuholmen also mit dem Album
"Minor Earth, Major Sky" zurück. Was keiner erwartet hatte:
Es war ein Comeback wie ein Paukenschlag. Sofort war A-ha wieder
"Everybody's Darling", diesmal auch bei älteren Generationen.
Das Trio war wohl selbst überrascht von der Herzlichkeit, mit
der sie zurück im Pop-Biz begrüßt wurden. Klar, dass sich die
Osloer da nicht lange bitten lassen und 2002 "Lifelines" nachlegen,
vor wenigen Wochen nun das Live-Album "How Can I Sleep With
Your Voice In My Head". 45 Konzerte hatte A-ha bei ihrer Tournee
absolviert, davon zwölf allein in Deutschland. Selbst in russischen,
polnischen, baltischen und südamerikanischen Städte gastierte
die Band, obwohl doch Morten Harket Tourneen hasst: "Das Tournee-Leben
ist äußerst langweilig, weil Du nur am Reisen bist. Man packt
ständig Taschen, checkt ins Hotel ein, dann wieder aus; Flughäfen,
Stewardessen, das Essen im Flugzeug, es ist alles das Gleiche
und immer das Gleiche". Immerhin: Wie man auf dem Live-Album
nachhören kann, renovieren A-ha live ihre ehemals simpel stampfenden
Achtziger-Jahre-Songs wie "The Sun Always Shines On TV", "Take
On Me" oder "The Living Daylights" mit modernen Arrangements
und druckvollem Sound. Das rehabilitiert ihre alten Hits und
brachte mittlerweile selbst Trend-Bands auf die Idee, Lieder
der Norweger zu covern. U2 spielten etwa "The Sun Always Shines
On TV", und Coldplay nahmen sich "High und Low" zur Brust. Wäre
es da nicht schon an der Zeit für ein A-ha-Tribute-Album? "Gute
Idee", stimmt Harket verschmitzt zu. "Wir machen ein Doppel-Album
daraus, und auf der zweiten CD spielen wir dann im Gegenzug
Lieder von all diesen Bands." Eine letzten Frage: Fast allen
anderen populären norwegischen Musikern meint man die weite
und klare Landschaft ihrer Heimat anzuhören, seien es klagenden
Saxofonschreie Jan Garbareks, Mari Boines Joiks oder der melancholischen
Schwermut des Midnight Choir. Und A-ha? Magne und Pål sind überzeugt:
"Wir sind international, meinst Du nicht? Klar - wir sind Norweger,
das ändert sich nicht. Aber wenn man Musik macht, ist es vorteilhaft,
einige Zeit außerhalb von Norwegen zu verbringen. Es gibt zu
viele Meinungen in Norwegen, und die Zeitungen diktieren jedem,
was er zu mögen hat." Das klingt fast so, als ob es die beiden
stören würde, gemocht zu werden. (Peter Bickel) 
Diskografie:
How Can I Sleep With Your Voice In My Head (2003)
Lifelines (2002)
Minor Earth Major Sky (2000)
Memorial Beach (1993)
Headlines And Deadlines - The Hits of A-ha (1991)
East Of The Sun West Of The Moon (1990)
Stay On These Roads (1988)
Scoundrel Days (1986)
Hunting High And Low (1985)
Solo-Projekte:
Morten Harket
Vogts Villa (1996)
Wild Seed (1995) Poetenes Evangelium (1993)
Paul Waaktaar mit Savoy Reasons
To Stay Indoors (2001) Mountains Of Time (1999)
Lackluster Me (1997)
Mary Is Coming (1996)
Soundtracks von Magne Furuholmen (zusammen mit Kjetil Bjerkestrand)
Dragonfly - EP (2001)
Hermetic (1998)
Hotel Oslo (1997)
Ti kniver i hjertet (1994)