David Stockholm, Goliath London

Von Bruno Kaufmann

»Das wird ja lustig!«, freute sich die britische Wirtschaftszeitung The Economist, als im Frühherbst plötzlich eine potentielle Käuferin für die altehrwürdige Londoner Börse (LSE) aufs Parkett trat. Und die noblen Herren der City staunten nicht weniger, als sie erfuhren, wer diese Interessentin war: die erst 1985 gegründete schwedische Finanzmarktbetreibergruppe OM.

Der »Wikingerangriff auf die City« (Sunday Times) hatte Folgen: Zuerst wurde die bereits beschlossene Elefantenhochzeit der LSE mit der Frankfurter Börse gekippt, dann musste LSE-Boss Gavin Casey sogar selbst den Hut nehmen. Die Schweden punkteten und kündigten an, aus der 200 Jahre alten Institution einen hochmodernen Handelsplatz für Großunternehmen zu machen. Dazu hat die OM-Gruppe neben ihrer selbstentwickelten digitalen Börsenplattform Saxess auch erfolgreiche Erfahrung als Betreiberin der Stockholmer Börse beizutragen.

In England fragte man sich aber, wie es Stockholm einfallen kann, Anspruch auf London zu erheben, wo zwanzigmal mehr Geld umgesetzt wird. Die Antwort hat mit dem Marktwert zu tun: Die OM-Aktien sind heute viermal soviel Wert, wie die LSE-Papiere. Das gibt zu denken und wirft ein Licht auf ein Land, das sich von der tiefen Wirtschaftskrise der frühen 90-er Jahre mehr als erholt hat.


Der Nordeuropa-Korrespondent Bruno Kaufmann beleuchtet für Nordis die aktuelle politisch-gesellschaftliche Entwicklung in Skandinavien.
Er lebt in Stockholm.

Bei der Vorstellung des schwedischen Staatshaushaltes 2001 konnte der sozialdemokratische Ministerpräsident Göran Persson diesen Herbst einen Budgetüberschuss, weiter sinkende Arbeitslosenzahlen von unter vier Prozent sowie einen Rekordwachstum von über vier Prozent in Aussicht stellen. In der schönen neuen IT-Welt brilliert Schweden mit einem klaren Technologievorsprung und einer gehörigen Portion Innovationskraft. »Wir sind wieder die Modernsten«, jubelte die Stockholmer Tageszeitung Dagens Nyheter in einer Analyse.

Im Unterschied zu den fünfziger Jahren, als Schweden schon einmal europäische Wirtschaftsspitze war, steht in der New Economy nun aber nicht mehr die Quantität, sondern die Qualität im Vordergrund. Stimmt letztere, kann sich ein nordischer David, sprich die OM-Gruppe, mitunter auch einmal gestatten, einen europäischen Goliath, in diesem Fall die LSE, herauszufordern. Unabhängig davon, ob der große Deal letztlich gelang, hat die OM-Gruppe für sich und den Finanzplatz Stockholm Reklame gemacht.

Die Zukunft aber gehört - zumindest was das Kleinanlegergeschäft betrifft - der Ortslosigkeit: Am 1. November lanciert die OM-Gruppe eine globale Internet-Börse, Jiway. Die pfiffigen Schweden machen es möglich: Schon bald kann ein Allgäuer Schornsteinfeger an der US-amerikanischen Technologiebörse Nasdaq mitbieten.


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