Strom ist skandinavisch

von Reinhard Wolff

Skandinavien hat es vorgemacht und jetzt ist es auch in Deutschland möglich: Stromanbieter können frei gewählt werden. Dem nordischen Vorbild der Strombörse Nord Pool folgend gibt es in Deutschland neben der Leipziger LPX seit August in Frankfurt mit der European Energy Exchange (EEX) bereits die zweite Strombörse. Natürlich wird dort auch Strom nordischer Herkunft gehandelt. Nordis stellt den Vorreiter-Strommarkt in Skandinavien vor.

In Deutschland kommt langsam in Gang, was in Skandinavien schon seit einigen Jahren möglich ist. Den Stromlieferanten so frei wählen und wechseln zu können, wie die Lieferfirma für das Heizöl. Die Norweger waren 1993 die Ersten, die mit der Liberalisierung des Stromhandels Ernst gemacht haben, Schweden folgte 1996 und Finnland 1998. Nur Dänemark macht eine skandinavische Ausnahme: Hier hat man sich von Deutschland überholen lassen und will den Strommarkt erst im Jahre 2003 liberalisieren.

Auch die Stromhandelsbörse, die in Deutschland gerade erst in den Kinderschuhen steckt, hat in Oslo ihr Vorbild. Hier kann man schon auf ein knappes halbes Jahrzehnt Erfahrung zurückblicken: Nord Pool, die gemeinsame nordische Strombörse. Nach eigener Einschätzung die weltweit größte, was Handelsvolumen und Volumenzuwachs angeht. Ein Fünftel jeder in Skandinavien 1999 verbrauchten Kilowattstunde wurde über Nord Pool gehandelt. 1999 waren dies 291 Terrawattstunden. Nach einigen zähen Anfangsjahren ein Erfolg, welcher Nord Pools Blicke über den nordischen Tellerrand hinausschauen lässt: Man will bald expandieren und sich in anderen Teilen Europas etablieren.

Etwas, was die großen skandinavischen Energiekonzerne bereits vorgemacht haben. Vor allem die schwedische Vattenfall hat schnell auf dem deutschen Strommarkt Fuß gefasst. Erst im November 1999 mit einem Viertel des Aktienbesitzes bei den Hamburgischen Elektrizitätswerken (HEW) eingestiegen, ist man gerade auf dem besten Wege, sich zu einem führenden Stromanbieter in Nord- und Ostdeutschland zu entwickeln und unter die drei bis vier größten deutschen Stromhändler aufzurücken. Ein Expansionsstreben, das eng mit den Folgen der Strommarktliberalisierung in Skandinavien zusammenhängt.


Grenzüberschreitendes Fusionsfieber

Nach einer ersten nationalen Konzentrationsphase, in welcher kleine lokale Stromanbieter im Rekordtempo von größeren geschluckt wurden, so dass sich deren Gesamtzahl beispielsweise in Schweden binnen zwei Jahren mehr als halbierte, folgte bei allen großen Konzernen bald der Blick über die Landesgrenzen hinaus. Hierbei hatten zuerst die Finnen die Nase vorn. Ende 1997 wurden die beiden größten finnischen Energiekonzerne Imatran Voima Oy (Ivo) und Neste Oy zu »Fortum« fusioniert - das unter diesem Namen mittlerweile auch auf Deutschlands Strommarkt aktiv geworden ist. Der Elektrizitätskonzern mit Aktivitäten in Kraftproduktion und Kraftwerksbau in einer Vielzahl von Ländern und die Ölgesellschaft mit einem kräftigen Standbein im russischen Erdgasmarkt machten sich anschließend gleich auf Einkaufstour ins westliche Nachbarland, schluckten mit Gullspang gleich den - nach Vattenfall und Sydkraft - drittgrößten schwedischen Stromanbieter auf, der mittlerweile Birka-Energie heißt.

Die norwegische Statkraft kaufte sich wenig später bei Sydkraft ein, bei welcher schon vorher die deutsche Preussen-Elektra eingestiegen war: Der staatliche Kraftriese Vattenfall, Skandinaviens bislang unumstritten größter Stromanbieter, sah sich plötzlich der Gefahr gegenüber, von finnischen und norwegischen Konzernen nicht nur auf den Beifahrer-, sondern gleich auf den Rücksitz der Stromkonzentrationsrallye abgeschoben zu werden. Und reagierte mit einem Ausbruch nach Süden und Osten: In die baltischen Länder, Polen, Tschechien und Deutschland. Mittlerweile verdient man schon jede vierte Krone außerhalb der eigenen Landesgrenzen und sieht dies erst als Beginn an. »Wir wollen ein führendes europäisches Energieunternehmen werden«, heißt es gar nicht zurückhaltend gleich einleitend im letzten Jahresbericht des Unternehmens.

1909 als »Kungliga Vattenfallsstyrelsen« gegründet, ist Vattenfall so etwas wie der Großvater aller Stromunternehmen. Die aufblühende Industrie des Landes sollte mit der in den nordschwedischen Wasserkraftwerken gewonnenen Elektrizität versorgt werden und auch den Menschen im Lande sollte der Strom bessere Lebensbedingungen bieten können. Gewaltige Leitungsnetze nach Süden waren notwendig, immer weitere der einst wilden und unangetasteten nord- und mittelschwedischen Flüsse wurden zu eingedämmten Wasserkraftlieferanten gezähmt. Nach wie vor zu 100 Prozent im

Staatsbesitz ist es aber mittlerweile die Atomkraft, welche mit knapp 50 Prozent der hauptsächliche Lieferant von Vattenfalls Strom ist. Ein ähnliches Verhältnis im Übrigen wie bei Sydkraft, der weniger als halb so großen Nummer Zwei auf dem schwedischen Strommarkt. Ein nahezu reines Wasserkraftunternehmen - auch bei der finnischen Fortum hat die Atomkraft die Wasserkraftproduktion überholt - ist mittlerweile, sieht man von ihrer Sydkraft-Beteiligung ab, nur noch die norwegische Statkraft.


Gefahr für Alternativenergie

Trotz Abschaltung des ersten Atomreaktors des AKW Barsebäck steht bekanntlich das weitere Schicksal der Atomenergie in Schweden, wie auch in Finnland, in den Sternen. Gerade die Liberalisierung der Strommärkte hat viele Prognosen über die Entwicklung von Ersatzenergien über den Haufen geworfen. Die Produktionskosten für Wasserkraftstrom lagen im Frühjahr und Sommer so niedrig, dass die schwedischen Atomreaktoren zum größten Teil für eine so lange Sommerpause abgestellt wurden, wie noch nie seit ihrer Inbetriebnahme.

Der reichliche Fluss billigen Importstroms, nach Ausbau des Leitungsnetzes bald auch schon aus Polen und dem Baltikum, droht aber auch viele alternative Energieprojekte, wie den Ausbau von Windkraft und Sonnenenergie und in Norwegen den Bau von Erdgaskraftwerken auf mittlere Sicht unwirtschaftlich zu machen.

Eine Entwicklung, die vermutlich als erstes die für Mitte kommenden Jahres vorgesehenen Abschaltung des Atomreaktors Barsebäck 2 verzögern wird: Die vom Ausstiegsgesetz geforderte Ersatzenergie ist nicht da. Statt in Ersatzanlagen zu investieren, importieren die Stromunternehmen lieber billigen Überflussstrom aus dem Ausland. Einige Energieforscher warnen bereits davor, dass es angesichts solch kurzfristigen Rentabilitätsdenkens bei einer winterlichen Kältewelle schon im Januar oder Februar kommenden Jahres zu empfindlichen Engpässen kommen könnte. Ohne dass Vater Staat die Zusatzkosten übernimmt, scheint weder eine Bereitschaft zu bestehen, Reservekraftwerke in Gang zu halten, noch der Umwelt unter die Arme zu greifen: Nach Wegfall von Subventionen wurde beispielsweise im Windmühlenland Dänemark in diesem Jahr bis einschließlich August noch keine einzige neue Windkraftanlage bestellt.


Billiger Strom, teure Netzkosten

Den Verbrauchern zumindest hat die Freigabe der Strommärkte bislang eine finanzielle Entlastung gebracht. Zwar lag die Zahl der Privathaushalte, welche den Stromanbieter wechselten und so tatsächlich die Liberalisierung ausnutzten in allen drei Ländern unter 15 Prozent. Doch allein das Vorhandensein der Konkurrenz und die Möglichkeit des Wech-

selns führte zu einem Preisverfall, zeitweise zu einer Halbierung der Kilowattkosten. Aber auch zu einer erneuten Angleichung der Preise auf einem niedrigeren Niveau. Trotz der Vorliebe der Skandinavier für Strom fressende Elektroheizungen und des damit verbundenen rekordhohen Stromverbrauchs entspricht nun die tatsächliche Entlastung im Geldbeutel aber nicht etwa der Hälfte des bisherigen Strombudgets. Nicht nur die Steuern verhindern dies, sondern auch die festen Netzkosten. Weithin in der Hand der alten Strommonopolisten fehlt hier noch die Konkurrenz. So dass viele Haushalte mittlerweile weit mehr für ihre verbrauchsunabhängigen Netzkosten, als ihren Stromverbrauch zahlen. Die Konkurrenzbehörden ermitteln schon seit längerem, aber bislang weithin fruchtlos wegen »Verdachts des Marktmissbrauchs«. Und bis in den Weiten der skandinavischen Länder konkurrierende Leitungsnetze aufgebaut werden, dürfte wohl noch viel Strom durch die teuren Monopolnetze fließen.

Der Autor: Reinhard Wolff arbeitet für verschiedene deutschsprachige Medien als Skandinavien- und Baltikumkorrespondent mit Sitz in Schweden.

 

Nachgefragt bei ...

Harald von Heyden,

Statkraft Energy

Deutschland


Skandinavische Stromproduzenten im Internet:

Portal:

Strombörsen:

Stromhändler (»Broker«):

Bildnachweis:

Foto1: Wasserkraftwerk (Hans Blomberg / Vattenfall)

Foto 2: Finanzmarkt Strom. Auf dem Terminmarkt der Strombörse Nord Pool werden finanzielle Verträge gehandelt. (Foto: Nord Pool)

Foto 3:Turbinenkammer im nordschwedischen Harsprånget Kraftwerk. Mit einer jährlichen Durchschnittsproduktion von 2200 GWh ist es das effektivste von insgesamt ca. 70 Wasserkraftwerken des Anbieters Vattenfall. (Foto: Hans Blomberg / Vattenfall)

1. Welche Ziele verfolgt Statkraft auf dem deutschen Markt?

Wir haben das Ziel, einer der führenden Energiehändler in Europa zu werden. Aufgrund seiner Größe und zentralen Position ist Deutschland der Kernmarkt in diesem Konzept.

2. Wer sind Ihre Kunden?

Unser besonderes Augenmerk gilt den deutschen Stadtwerken. Sie können am meisten von unserem Know-how im Stromhandel und Portfolio-Management profitieren. Eine weitere wichtige Kundengruppe sind Energiehändler.

3. Inwiefern spielt Ihre norwegische Herkunft eine Rolle?

In Norwegen liegt die Liberalisierung des Strommarktes nun fast 10 Jahre zurück.


Die Erfahrungen, die wir gesammelt haben, helfen uns bei der Beratung unserer Kunden.

4. Was können die Deutschen von den Skandinaviern bei der Liberalisierung des Strommarktes lernen?

Die Liberalisierung lässt sich nicht aufhalten. Langfristig überleben kann nur, wer sich den neuen Herausforderungen stellt. Die im Vergleich zu Norwegen hohen Netzgebühren in Deutschland zeigen weiter, dass eine Regulierungsbehörde unumgänglich ist.

5. Bei wem kann man eigentlich gezielt »Strom aus Norwegen« kaufen?

Fragen Sie Ihr Stadtwerk.



 

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