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Rückblick und Versuch eines Ausblicks: Schweden und Finnland

Auch wenn wir im Moment einen ziemlich beschränkten Bewegungsradius haben und Urlaubsreisen nicht mal im eigenen Land möglich sind, wird sich der eine oder andere bestimmt mit der Frage beschäftigt haben, wie die Situation im Sommer aussehen könnte.

In der letzten Folge unseres digitalen Rundgangs durch den Norden kommen wir zumindest in Bezug auf die Pandemie zu zwei nordischen Nachbarländern, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Zunächst geht es nach Schweden, einem Land, das lange Zeit einen Sonderweg ging, fast keine Reisebeschränkungen erließ und vieles lange Zeit der Verantwortung der Bürger überlassen hatte. Je nach Sichtweise des Betrachters besonders in den sozialen Medien entweder gefeiert für seinen Sonderweg, von dem man sich jetzt abkehrte, oder kritisiert wegen der in Bezug auf die Bevölkerung hohen Opfer- und Fallzahlen. 

Auf der anderen Seite der Ostsee liegt Finnland, ein Land, in dem das Leben bisher fast normal weitergeht und das im europäischen Vergleich die niedrigsten Inzidenzen und Opferzahlen hatte. Allerdings hat Finnland die Grenzen lange Zeit für ausländische Besucher dicht gehalten und war auch im Sommer 2020 nur für wenige Woche zu bereisen. Da alle die Hoffnung haben, dass sich die Situation langsam wieder normalisiert, gibt es natürlich auch einige wertvolle Reisetipps unserer Interviewpartner.

Schweden 

Guten Tag, Herr Karlén. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben. Würden Sie sich unseren Lesern bitte kurz vorstellen?

Thorsten Karlén: Ich arbeite für die »Destinationsentwicklung« in Südschweden, in der Stadt Landskrona und auf der Insel Hven, gelegen mitten im Öresund zwischen Malmö und Helsingborg und Kopenhagen als Nachbar auf der anderen Seite. Meine Mutter stammt aus Deutschland, mein Vater aus Schweden. Ich bin in Schweden aufgewachsen und habe mich schon als Kind für Reisen und neue Orte interessiert. Ich habe ein Jahr in Berlin gearbeitet, um den deutschen Markt besser kennenzulernen. In Schweden habe ich mit Dalarna, Gotland, Blekinge und jetzt Skåne (Schonen) hauptsächlich zusammen gearbeitet.

In Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas hat man zurzeit wieder einen mehr oder weniger strengen Lockdown. Wie muss ich mir das Leben in Schweden gerade vorstellen? Gibt es große Unterschiede zwischen den stärker besiedelten Städten und dem eher dünn besiedelten Rest des Landes?

Thorsten Karlén: Momentan hat Schweden auch viele Regelungen, Auflagen und Beschränkungen. Die Großstädte sind härter betroffen, weil es dort natürlich mehr Hotels, Tagungsmöglichkeiten, Büros, Läden und Restaurants gibt. Leute sollen von zu Hause aus arbeiten, sofern das möglich ist. Nur wenn man muss, soll man mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen. Alle Läden und Restaurants dürfen geöffnet sein, aber Restaurants dürfen momentan nur bis 20 Uhr Alkohol ausschenken und müssen dann schließen. Seit Sonntag hat die Regierung eine neue Verordnung beschlossen, »Pandemilagen«. Damit kann der Staat, wenn die Situation es verlangt, auch Geschäfte und öffentliche Lokalitäten schnell schließen oder entscheiden, wie viele Besucher einen Laden zur selben Zeit besuchen dürfen. Momentan ist ein Besucher pro 10 Quadratmeter Geschäftsfläche erlaubt.

Ist die Hauptsaison 2020 unter Corona-Bedingungen nach Ihren Erwartungen gelaufen? Bekommen Tourismusunternehmen wie Unterkünfte oder Attraktionen eigentlich staatliche Unterstützung, um die Krise zu überstehen? Viele Unternehmen im Tourismusbereich kämpfen um ihr Überleben und mussten andere Wege gehen, um zu überleben. Können Sie ungefähr schätzen, wie viele Arbeitsplätze im Tourismus in Ihrer Region verloren gegangen oder in ihrer Existenz bedroht sind?

Thorsten Karlén: Der Sommer 2020 ist durchaus sehr gut gelaufen, also die Zeit Juli, August und vielleicht die erste und zweite Septemberwoche. Aber der ganze Frühling und die Zeit seit dem 15. September ist sehr still und natürlich sehr anstrengend für die Unternehmen gewesen. Ich kann leider die Anzahl nicht schätzen. Der Staat und die Regionen haben verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten.

Die Regionen arbeiten sehr viel mit Kompetenzunterstützung und Ausbildungen. Wir können Unternehmen für die Zukunft vorbereiten, Stichwort: Tourismus 2.0.

Wie sind Ihre Erwartungen in Bezug auf das Reisejahr 2021? Erwarten oder hoffen Sie, dass sich das Reisen im Sommer 2021 wieder normalisiert?

Thorsten Karlén: Ich glaube leider, dass der Frühling bis Mai sehr anstrengend wird für alle Leute, Krankenhäuser, Wirtschaft usw. Wenn wir Glück haben, sind die Risikogruppen bis zum Frühling geimpft – und das Coronavirus wird schwächer, wenn die Frühlingswärme kommt. Im Sommer wird es möglich sein, regionale und vielleicht etwas weitere Reisen mit Beschränkungen und Regelungen zu unternehmen. Das bedeutet: Ich erwarte keinen normalen Sommer. Ich glaube aber, es wird stabiler und besser zum kommenden Herbst/Winter, wenn viele geimpft sind, sodass die Ansteckungsgefahr drastisch abnimmt.

Für den Sommertourismus in Schweden glaube ich, dass viele Schweden diesen Sommer im eigenen Land Urlaub machen werden und vielleicht einige Touristen von unseren wichtigsten Märkten – Norwegen, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden – dazukommen werden.

Wenn der Sommer kommt, welche drei Aktivitäten oder Attraktionen in Landskrona und Umgebung würden Sie Reisenden empfehlen, die zum ersten Mal die Region erkunden? Ich bin eigentlich Radfahrer. Können Sie auch einen Tipp geben, wo man abseits der Hauptstraßen eine abwechslungsreiche Radtour für mehrere Tage machen kann?

Thorsten Karlén:

  1. Durch Landskrona führt einer unserer drei nationalen Fahrradwege durch. Der »Sydkustleden« von Simrishamn, über Ystad, Malmö, Landskrona nach Helsingborg. 260 km. https://sydostleden-sydkustleden.se/de Wandern ist auch sehr schön in unserer Gegend. Durch Landskrona führt auch der regionale Wanderweg »Skåneleden«. Persönlich finde ich es wunderbar zu wandern: vom Zentrum aus in Landskrona direkt am Meer entlang, 16 km bis Fortuna, wo sich Landskrona mit Helsingborg trifft.
  2. Ein Besuch auf der Insel Hven, wo früher der ehemalige Astronom Tycho Brahe gelebt hat. Die Insel ist klasse zum Wandern und Radfahren. Auf der Insel ist kaum Verkehr, nur Leute, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Insel ekunden. Auf der Insel gibt es gemütliche Übernachtungsmöglichkeiten (Campingplatz, Jugendherberge, Ferienhäuser, Hotel) und eine berühmte Premium Whiskydestillerie, die auch andere alkoholhaltige Getränke erzeugt.
  3. Wir haben im Sommer ein wunderschönes Festival mit Essen und Getränken – »Skånes Matfestival«, geplant vom 12.-13. Juni 2021.

Alle Infos über die Destination Landskrona und Ven unter https://ilandskrona.se/de/ 

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, der sich nicht auf die Corona-Pandemie bezieht, welcher wäre das?

Thorsten Karlén: Wir freuen uns riesig, wenn die feste Verbindung zwischen Rödby-Puttgarden eingeweiht wird, wohl im Jahr 2028 oder 2029, und dass wir in Landskrona ein Projekt haben, das »Europaspåret« heißt: Das ist ein Eisenbahntunnel zwischen Landskrona und Kopenhagen. Die Fahrt wird dann nur 14 Minuten dauern.

Weitere Infos: 


Finnland

Wir gehen weiter nach Osten in das Land der Saunen und Seen. Doch Finnland ist weit mehr als nur Wasser, Wald und Weite und bietet viele Freiräume, die Seele baumeln zu lassen und sich einen inspirierenden Mix von Neu und Alt anzuschauen. Ich habe mich mit Herrn Oksanen über die Erwartungen für dieses Jahr unterhalten und die Frage, was in Finnland besser läuft. Natürlich bekommen wir auch einige gute Tipps für Reisen in das Land der Saunen und Seen.

Guten Tag, Herr Oksanen. Möchten Sie sich unseren Lesern noch einmal kurz vorstellen?

Jyrki Oksanen: »Hyvää päivää« aus Berlin. Ich bin zuständig für die touristische Vermarktung Finnlands als Reiseland in den deutschsprachigen Ländern. Visit Finland hat im Moment drei Angestellte in Berlin, und die Arbeit wird von einer PR-Agentur unterstützt. Wir sind ein Teil von »Business Finland« und »Team Finland« und sitzen somit auch in der Botschaft von Finnland.

In Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas hat man zurzeit wieder einen mehr oder weniger strengen Lockdown. Wie muss ich mir das Leben in Finnland gerade vorstellen? Gibt es große Unterschiede zwischen den stärker besiedelten Städten und dem eher dünn besiedelten Rest des Landes? Wie erklären Sie, dass Finnland im europaweiten Vergleich vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen ist?

Jyrki Oksanen: Finnland hat die geringste Verbreitung von Covid-19 in Europa, und das Leben läuft fast normal für die meisten Finnen. Wir haben viele internationale Reisebeschränkungen und eine Empfehlung für AHA. Bars müssen gegen 23.00 Uhr schließen. Es gibt keine gute Erklärung für die Verbreitung. Durch die vielen asiatischen Transferpassagiere haben wir die ersten Fälle Anfang Februar schon in Finnland registriert, aber die Viren scheinen uns Finnen nicht zu mögen? Es kommen allerdings neue Varianten, die unsere Behörden sehr beschäftigen

Mit welchen besonderen Problemen hatten und haben die Reiseunternehmen in Finnland zu kämpfen? Ist die Saison im Jahr 2020 unter Corona-Bedingungen nach Ihren Erwartungen gelaufen? Bekommen Tourismusunternehmen eigentlich staatliche Unterstützung, um die Krise zu überstehen? Können Sie ungefähr schätzen, wie viele Arbeitsplätze im Tourismus in Finnland verloren gegangen oder akut bedroht sind?

Jyrki Oksanen: Wir hatten im März einen fast kompletten Ausfall von Freizeitreisen nach Finnland, der noch immer andauert. Viele unserer Reiseunternehmen haben sich auf ein internationales Publikum ausgerichtet und haben nun Schwierigkeiten, die Produkte so schnell an die einheimischen Gäste anzupassen. Dadurch gibt es Gewinner aber auch Verlierer: Inlandstourismus boomt, aber die Reisezeiten, Ausgaben und Kunden sind halt nicht gleich und wir werden insgesamt ca. – 40 % an Volumen gegenüber 2019 verlieren. Es gibt zahlreiche Initiativen und Unterstützung von Staat und EU, um die Krise zu überbrücken und den größeren Unternehmen zu helfen. Viele kleine Betriebe haben oft andere Quellen und sind nicht »nur« vom Tourismus abhängig. Kritisch wird es, wenn man viel investiert hat oder hohe laufende Kosten hat wie z. B. bei einer Husky-Farm. Ich kenne leider keine aktuellen Zahlen zur Arbeitslosigkeit, durch die Kurzarbeit ist es etwas unklar: Insgesamt haben wir 24.000 neue Arbeitslose seit Februar 2020. 

Wenn man sich mit der finnischen Mentalität beschäftigt, hört man immer etwas von »Sisu«, der kämpferischen Beharrlichkeit und Bereitschaft, sich mit Problemen auseinanderzusetzen. Können Sie erklären, was »Sisu« Ihrer Meinung nach ist und ob es auch bei der Bewältigung von Langzeitkrisen helfen kann?

Jyrki Oksanen: »Sisu« kann auf viele Arten verstanden werden. Für mich gestaltet es einen Rahmen, um ruhig an alle Herausforderungen heranzugehen, durchzuhalten und die Probleme selbst zu lösen. Es ist fast eine Art Hobby. Vielleicht ist »Sisu« durch unsere Entfernung zu den Nachbarn entstanden und paart sich mit den Herausforderungen der kalten Winter hier. Wenn man am Ziel ist, geht man besser in die Sauna. Es gibt auch Bücher darüber: Katja Pantzar: Sisu. Verlag Ehrenwirth, ISBN-13: 9783431040937

Finnland hat die Reisemöglichkeiten für Touristen relativ schnell nach später Öffnung wieder begrenzt. Wie sind Ihre Erwartungen in Bezug auf das Reisejahr 2021? Was glauben Sie: Wann werden die Grenzen wieder eröffnet und unter welchen Bedingungen? Erwarten oder hoffen Sie, dass sich das Reisen im Sommer 2021 wieder weitestgehend normalisiert?

Jyrki Oksanen: Die Lage ist noch etwas angespannt, da man nicht weiß, wie die Impfungen wo und wann die Lage entspannen. Wir hoffen, dass ab Ostern das Leben sich normalisiert und dass man ab ca. Mittsommer wieder innerhalb von Schengen reisen kann. Unsere Premier Sanna Marin hat mehrmals eine EU-Lösung zu den Reisebestimmungen gefordert, da ein Flickenteppich von sich ständig ändernden Regeln wenig Sinn macht.
Unsere letzten Prognosen von Oxford Economics zeigen eine Erholung von deutschem Tourismus nach Finnland in 2024, wobei 2021 schon eine deutliche Erholung ab ungefähr August erwartet wird.

Welche drei Regionen würden Sie Reisenden, die noch nie in Finnland gewesen sind und 2-3 Wochen Zeit haben, besonders empfehlen?

Jyrki Oksanen: Das klingt nach einer Pkw-Rundreise ab Helsinki über das Saimaa-Seengebiet nach Karelien und entlang der Grenze zu Russland, weiter nach Norden Richtung Polarkreis und Lappland. Zurück über die Westküste und Schärenlandschaften bei Vaasa und Turku. Wir haben jetzt eine Vielzahl von Routen und Wandervorschlägen auf www.outdooractive.com/de/ gesammelt, alles auf gut Deutsch! Als Alternative zum PKW kann ich gerne die finnischen Staatsbahnen empfehlen: gut, sicher und günstig. www.vr.fi 

Ich bin Radfahrer, Finnland ist dünn besiedelt, relativ flach und hat viele ruhige Nebenstraßen. Welche Gegend würden Sie für eine längere, mehrtägige Radtour besonders empfehlen?

Jyrki Oksanen: Als Radfahrer würde ich von Turku aus Richtung Aland-Inseln auf der sogenannten Ringstraße »inselhüpfen«: Die nördliche Route hin und die südliche Route zurück. https://visitparainen.fi/en/the-archipelago-trail/ 

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, der sich nicht auf die Corona-Pandemie bezieht, welcher wäre das?

Jyrki Oksanen: Ich vermisse mein Ferienhaus und möchte in diesem Jahr gerne viel Zeit dort verbringen.

Weitere Infos: 

Über den Autor

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten gut 35 Jahren insgesamt 200.000 km per Fahrrad und ohne Motor zurück. Seine besondere Liebe gehört dem Norden, seine allererste Radtour führte ihn 1983 als 17-jährigen nach Norwegen. Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Ausstellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. In normalen Jahren zeigt er im Winterhalbjahr seine Multivisionsshows einem breiten Publiikum. Für Nordis hat er er etliche Berichte über seine Lieblingsregionen verfasst.

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