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Rückschau und der Versuch eines Ausblicks auf 2021

Das neue Jahr ist noch jung und wird dennoch bereits wie das alte Jahr von der Corona-Pandemie dominiert. 2020 war ein wechselvolles, unsicheres Jahr, in dem viele zu Hause geblieben sind und so manch ein Reisetraum leider zerplatzte. Das Reisen war schwierig und mit vielen Unsicherheiten verbunden. Auch für viele Tourismusunternehmen war es eines der schwersten Jahre, in dem sie um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen mussten, in dem lange Bewährtes nicht mehr funktionierte und die Unsicherheit groß war.

Ich habe mich mit Vertretern verschiedener Länder und einigen Tourismusunternehmen darüber unterhalten, wie sie das Jahr 2020 empfunden und bewältigt haben und welche Erwartungen sie für 2021 haben. Alle Befragten sind zuversichtlich, dass 2021 ein besseres Jahr werden wird, und geben nun deshalb auch immer einige Reisetipps.

Wir beginnen unseren Rundgang durch den Norden in Dänemark, auf den Färöer-Inseln und Grönland. Wenn man so will: eine „dänische“ Runde, auch wenn die Färöer und Grönland autonom sind.

Dänemark 

Los geht es mit unserem einzigen direkten skandinavischen Nachbarland Dänemark. Während es an den deutschen Ostseestränden schon mal voll werden kann, findet so manch einer in Dänemark seinen eigenen Traumstrand, den er manchmal nahezu für sich allein hat. Für viele Deutschen sind die reizvollen und abwechslungsreichen Landschaften z. B. auf Fünen quasi „vor der Haustür“. Ich habe mich mit einer Vertreterin von „Visit Fyn“ auch über die Aussichten für 2021 unterhalten.

© Peter Kirkegaard

Guten Tag, Frau Schneider-Neelmeyer, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben. Können Sie sich unseren Lesern noch einmal kurz vorstellen?

Frau Schneider-Neelmeyer: Sehr gerne. Ich komme ursprünglich aus Süddeutschland genauer aus Südbaden und lebe seit über 9 Jahren hier mit meinem dänischen Mann auf der Insel Fyn in Nyborg. Meine Herzensangelegenheit ist es, die wunderschöne Insel Fyn im Herzen Dänemarks bei den deutschen Gästen populär zu machen und die Schönheiten aufzuzeigen, die die Insel und die vielen dazugehörigen Inseln mit sich bringen.

Ich hatte, als ich Mitte Juni nach Dänemark kam, das Gefühl, dass alles etwas entspannter war als in Deutschland und man sich trotzdem an die Regeln hält. Das Vertrauen in den Staat schien mir teilweise größer. In Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas hat man zurzeit wieder einen mehr oder weniger strengen Lockdown. Wie muss ich mir das Leben in Dänemark im Moment vorstellen?

Frau Schneider-Neelmeyer: Die Regierung in Dänemark hat sehr schnell reagiert, wie ich finde. Da wir keinen Föderalismus wie in Deutschland haben, hat Mette Frederiksen, unser Staatsoberhaupt, über die Maßnahmen bestimmt. Grundsätzlich sind die Dänen ein Folk, das dem Staat vertraut. Momentan haben wir einen Lockdown, der Ende Dezember auf den 17. Januar erweitert wurde. Die Menschen akzeptieren das, da die Zahlen ja für sich sprechen. Ich merke nicht so viel Widerstand, wie ich es in den Medien in Deutschland verfolge. Wir tragen Masken, überall und wirklich überall steht Handdesinfektion, die Menschen halten Abstand und auch die Bitte, Weihnachten und Silvester im kleinen Familienrahmen zu halten, wurde weitestgehend eingehalten. Hier auf Fyn gehen die Zahlen runter, in der Großstadt Kopenhagen sieht es da leider noch etwas anders aus.

Wie groß waren die Besucherrückgänge in 2020 in Fünen? Viele Unternehmen im Tourismusbereich kämpfen um ihr Überleben und mussten andere Wege gehen, um zu überleben. Können Sie ungefähr schätzen, wie viele Arbeitsplätze im Tourismus in Ihrer Region verloren gegangen sind? Bekommen die betroffenen Unternehmen in Dänemark staatliche Unterstützung?

Frau Schneider-Neelmeyer: Wir vermissen ganz deutlich unsere ausländischen Gäste – die vor allem in der Schultersaison sehr wichtig für uns sind. Dennoch können wir uns nicht beklagen, da die Dänen ja im eigenen Land Ferien gemacht haben und somit die Schönheit unseres Landes wieder für sich entdeckt haben. Allerdings haben die größeren Städte wie Odense und Kopenhagen sicherlich zu kämpfen. Außerdem liegt Fyn im Herzen Dänemarks und ist ein perfekter Ausgangspunkt für viele Konferenzen und Events, die nicht stattfinden konnten. Die Hotels kämpfen massiv und das wird auch Jobs kosten. Die Regierung hat ein Hilfspaket geschnürt und Unternehmen können Hilfe erwarten. So z.B. wurden 50 % auf Attraktionen-Tickets erlassen, um den nationalen Tourismus anzukurbeln und dies wurde bei den Attraktionen kompensiert durch staatliche Hilfe, wie auch gratis Fährtickets, die dann durch staatliche Hilfe kompensiert werden.

Wie sind Ihre Erwartungen in Bezug auf das Reisejahr 2021? Erwarten oder hoffen Sie, dass sich das Reisen im Sommer 2021 wieder normalisiert? Wagen Sie eine persönliche Prognose, ab wann man wieder nach Dänemark und somit Fünen reisen darf?

Frau Schneider-Neelmeyer: Ich denke, 2021 wird ein unsicheres Jahr, wenngleich es vielleicht etwas besser werden wird als 2020. Meine Hoffnung ist, dass die Grenzen nach Deutschland wieder öffnen und da hat Dänemark einen guten Ausgangspunkt. Wir sind ein Land mit einem sehr gut funktionierenden Gesundheitssystem, hier fühlt man sich sicher, kann mit dem Auto anreisen und wir haben viel Platz. Hier auf Fyn und den Inseln gibt es genug Platz für unsere Gäste an unseren schönen Stränden, hyggeligen Hafenstädtchen und außerdem gibt es viel zu erleben.

Welche drei Aktivitäten oder Attraktionen auf Fünen und in der Umgebung würden Sie Reisenden im Sommer empfehlen, die zum ersten Mal die Region erkunden? Ich bin eigentlich Radfahrer und genieße oft die perfekte Infrastruktur für Radfahrer in Dänemark. Können Sie, auch wenn die Auswahl schwer ist, einen Tipp geben, wo man abseits der Hauptstraßen eine abwechslungsreiche Radtour für mehrere Tage machen kann? Haben Sie einen Favoriten?

Frau Schneider-Neelmeyer: Die Insel Fyn und die dazugehörigen über 90 Inseln ist die Fahrraddestination des Nordens. Wir haben über 1.200 km beschilderte Radrouten und nicht zu vergessen auch wundervolle Wanderwege über die Insel (n), und viel zu erleben gibt es auch hier. Ein großer Teil des bekannten Ostseeradwegs führt über Fyn und die Inseln – mein Tipp: dem Ostseeradweg N8 folgen, dann kommt man an wunderschöne Plätze hier auf Fyn, vorbei an herrlichen Herrenhöfen und Schlössern, zauberhaften Hafenstädtchen mit gemütlichen Cafés und probiert auf jeden Fall die kleineren Inseln aus ab Svendborg und Faaborg Hafen. Im Nordosten der Insel kann ich Fyns Hoved empfehlen, das ist einer meiner Lieblingsplätze.

Vielen Dank für das Interview! Alles Gute für 2021. Die offizielle Webseite von Fünen ist: www.visitfyn.de

© Daniel Villadsen

Information zu den aktuellen Bestimmungen für Dänemark findet man unter:

Färöer Inseln 

Wir bleiben quasi in Dänemark, auch wenn die verstreut im Nordatlantik liegenden, schroffen Inseln einen autonomen Status haben. Nirgendwo ist man auf den Inseln, die von knapp 50.000 Menschen bewohnt werden, weiter als 5 km vom Meer entfernt. Jeder, der wilde Steilküsten liebt und sich für die vielfältige Vogelwelt interessiert, wird auf den 18 grünen Inseln begeistert sein und schnell merken, dass die Inseln viel mehr sein können als nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Island. Ich habe mich mit jemanden unterhalten, der sowohl die Färöer als auch Island gut kennt und beide Welten verbindet. 

Guten Tag, Herr Muxfeldt. Wir haben uns ja im Juni schon einmal kurz unterhalten über die aktuelle Situation, daher bin ich froh, dass wir uns noch einmal über das vergangene Jahr und die Erwartungen für 2021 unterhalten können. Möchten Sie sich unseren Lesern noch einmal kurz vorstellen?

Herr Muxfeldt: Mein Name ist noch immer Börge Muxfeldt und ich leite die deutsche Geschäftsstelle der Reederei Smyril Line, der einzigen Fährreederei mit Verbindungen nach Island und auf die Färöer-Inseln.

Ich hatte ja das Gefühl, dass die Bestimmungen in Bezug auf die erforderlichen Tests und Quarantänezeiten sehr oft geändert wurden. Mit welchen besonderen Problemen hatten Sie zu kämpfen? Wie ist die Saison für Smyril Line insgesamt  gelaufen?

Herr Muxfeldt: Sowohl deutschland- als auch europaweit uneinheitliche Reisebestimmungen in Zeiten von Corona haben es für Reisende wie auch für Reiseveranstalter im abgelaufenen Jahr 2020 sehr schwer gemacht, Reisewünsche und Angebote zu realisieren. Mehrfach auch kurzfristig geänderte Ein- und Ausreisebestimmungen verunsicherten beide Seiten, unterschiedliche Vorgaben in Deutschland und unseren Nachbarländern verwirrten und eine unvollständige bzw. unzutreffende Berichterstattung von offizieller und inoffizieller Seite hat abgeschreckt. Da wurde zwischen Pauschalreisen und Flug- oder Fährbuchungen nicht unterschieden, da wurde mal die dänische Grenze geschlossen, obwohl sie für Transitreisende geöffnet war etc. Das war nicht unbedingt förderlich. Die MS Norröna ist zwar mit Ausnahme einiger Abfahrten im Frühjahr durchgehend nach Fahrplan gefahren, wenn auch mit geringeren Passagierzahlen als erwartet, aber letztendlich waren wir froh, in den Sommermonaten zumindest einige Wochen Island angeboten haben zu können.

Ist die Saison nach Ihren Erwartungen gelaufen? Gab es große Unterschiede im Passagieraufkommen in Bezug auf Island und die Färöer- Inseln?

Herr Muxfeldt: Die Saison war, zumindest mit Blick auf den deutschen Markt, wesentlich schlechter als die vergangenen Jahre, da gibt es nichts zu beschönigen. Anders sprich besser sieht es z.B. auf dem dänischen Markt für Smyril Line aus, da die Verbindung Hirtshals – Torshavn auf den Färöern als innerdänische Verbindung gewertet wird und demzufolge von dänischen Passagieren auch relativ viel gebucht werden konnte. 

Bekommen Sie eigentlich staatliche Unterstützung, um die Krise zu überstehen? 

Herr Muxfeldt: Smyril Line hat keine staatliche Unterstützung erhalten. Umso wichtiger war und ist es, dass Smyril Line mit den bestehenden Frachtverbindungen und dem eigenen Hotelneubau „Brandan“ über weitere Standbeine verfügt. 

Wie sind Ihre Erwartungen in Bezug auf das Reisejahr 2021? Erwarten oder hoffen Sie, dass sich das Reisen im Sommer 2021 wieder normalisiert? Eine kleine Bevölkerung, wie die Islands wird man wahrscheinlich schnell impfen können, insofern dürfte das Ziel der „Herdenimmunität” schnell erreicht sein.

Herr Muxfeldt: Ich freue mich für die kleine Herde in Island, wenn das Impfen funktioniert. Aber das alleine lässt die Bedenken der großen Herde hier nicht verschwinden. Ich denke und hoffe aber, dass der Aufwärtstrend, den wir jetzt im Buchungsaufkommen durchaus spüren, anhält und sich verstärkt, wenn aus negativen Nachrichten rund um Corona nach und nach positive Nachrichten werden. Vielleicht kann man eine völlige Normalisierung noch nicht erwarten, aber ich glaube an eine positive Entwicklung und daran, dass bei Beachtung der dann aktuellen Verhaltensregeln Island mit Smyril Line 2021 sehr gut zu bereisen sein wird. 

Smyril Line scheint viel vorzuhaben im nächsten Jahr, das Schiff ist grade planmäßig in der Werft. Können Sie etwas darüber verraten, was Mitfahrer erwartet in der nächsten Saison?

Herr Muxfeldt: Smyril Line registriert seit geraumer Zeit eine verstärkte Nachfrage nach hochwertigen Kabinen, daher spendieren wir unserer MS Norröna ein zusätzliches Kabinendeck mit Luxuskabinen und neuen Suiten. Das Schiff erhält eine neue Bar mit etwa 200 Plätzen, alle Kabinen werden überholt, ebenso die öffentlichen Bereiche bis hin zur Rezeption. Damit machen wir unser Flaggschiff fit für das kommende Jahrzehnt. 

Wenn Sie Reisenden, die die Färöer-Inseln überhaupt nicht kennen, drei Plätze empfehlen würden, welche würden das sein?

Herr Muxfeldt:  Auf Platz 1 liegt das alte Kulturzentrum Kirkjuböur. Der alte Bischofssitz Roykstovan mit dem ältesten bewohnten Holzhaus der Welt, der Ruine des nie fertiggebauten Magnusdoms und der St.Olafskirche atmet Geschichte und ist interessant anzusehen.

Auf Platz 2 liegt die Südküste der Insel Suduroy. Suduroy ist zwar nur mit der Fähre und damit nicht ganz so einfach zu erreichen, aber für mich findet man dort die spektakulärste und schönste Steilküste des gesamten Archipels und das über viele Kilometer.

Auf Platz 3 liegen, wenn schon der Irish Pub in Torshavn nicht zählt, die Vogelklippen von Vestmanna. Eine Bootsfahrt bringt Sie nah an die steil aufragenden Vogelfelsen heran und direkt in die Grotten hinein, ein tolles Erlebnis.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Herr Muxfeldt: Der Wiederaufstieg des HSV in die 1. Bundesliga wäre toll. Aber realistisch betrachtet bin ich dann doch mit dem Ende der Pandemie und einem gesunden, stressreduzierten Jahr 2021 völlig zufrieden. 

Vielen Dank für das Interview! Alles Gute für 2021.

Grönland

Viele wissen nicht soviel über die größte Insel der Welt, die seit der Klimawandeldebatte in aller Munde ist. Auch wenn Grönland geografisch zu Nordamerika gehört, ist die Insel seit jeher politisch und kulturell eher mit Skandinavien und Dänemark verbunden. Viele wissen kaum mehr darüber, als dass es die Insel ist, die ein baldiger EX-Präsident kaufen wollte und dass das Eis dort immer schneller schmilzt. Doch die Insel, die ungefähr sechsmal so groß ist wie Deutschland und grade mal gut 56.000 Einwohner hat, die sich überwiegend auf die Westseite konzentrieren, bietet viel mehr als noch heute riesige Eismassen! Im Süden und Westen Grönlands gibt es kleine Wälder, blumenübersäte Wiesen, Schafsfarmen und sogar heiße Quellen. Grund genug, sich auch über die unbekannten Facetten der “grünen Insel” (Anmerkung: dies ist die original Übersetzung) zu unterhalten.

Guten Tag, Frau Woodall, möchten Sie sich unseren Lesern noch einmal kurz vorstellen?

Frau Woodall: Mein Name ist Sarah Woodall und ich bin Destination Manager für Südgrönland. Eine unserer Aufgaben ist es, touristische Aktivitäten in dieser Region zu unterstützen und zu organisieren. 

In Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas hat man zur Zeit wieder einen mehr oder weniger strengen Lockdown. Wie muss ich mir das Leben in Grönland zur Zeit vorstellen? Gibt es große Unterschiede zwischen der Hauptstadt Nuuk und den dünner besiedelten kleinen Dörfern?

Frau Woodall: In Grönland selbst gibt es keinen Lockdown – ein großes Privileg. Das gilt für Nuuk und für die gesamte Küstenregion. Die Leute arbeiten in ihren Büros, die Kinder gehen zur Schule, Geschäfte und Restaurants sind geöffnet. Allerdings müssen auf allen Flügen Masken getragen werden, und die Zahl der Personen auf öffentlichen Plätzen ist begrenzt. Anstatt des Händeschüttelns ist die Begrüßung per Ellenbogen angesagt. Und natürlich gibt es überall Geräte zur Handdesinfektion und Informationstafeln zu Hygiene und körperlichen Distanzregeln. Diese Freiheit verdanken wir den strengen Zugangsregelungen. Das ist traurig aber wahr. Aber wir verdanken sie auch dem Willen aller, diese Regeln einzuhalten. Alle, die nach Grönland kommen, müssen vor der Reise einen negativen Coronatest vorweisen, dann bei Ankunft in Quarantäne gehen, und können dann nach einem erneuten negativen Test vor Ort nach fünf Tagen richtig einreisen.  Allerdings gibt es vom 1. Januar bis Ende Februar  2021 eine generelle Einreisesperre für Grönland. Niemand – auch Grönländer nicht – kann in dieser Zeit einreisen. Tausend Grönland sitzen daher zur Zeit fest.

Ist Grönland zur Zeit „coronafrei“?

Frau Woodall: Grönland ist zur Zeit nicht ”coronafrei”. Viele Monate, den ganzen Sommer hindurch waren wir praktisch ”coronafrei”. Bis Anfang Dezember 2020 sind fünf Fälle bekannt geworden; insgesamt gab es in Grönland 18 Fälle, von denen niemand ins Krankenhaus musste; es gab keine Todesfälle. Bis zum 5. Januar gab es insgesamt 28 Covidfälle, 3 Menschen sind gegenwärtig noch erkrankt, niemand ist gestorben, eine Person wird im Krankenhaus behandelt. Mette Frederiksen, die dänische Premierministerin, lobte Grönland in ihrer Weihnachtsansprache an die Bewohner Grönlands für ihr beispielhaftes Verhalten während der Pandemie und sagte, dass es nur wenige Orte auf der Welt gebe, die ähnlich gut agiert hätten.

Wissen Sie, wie viele Touristen im vergangenen Jahr Grönland bereist haben und wie viele es ab März 2020 gewesen sind?

Frau Woodall: Laut der Webseite tourismstat.gl haben von Januar bis Ende Oktober 2020 18658 Touristen Grönland mit dem Flugzeug verlassen (von März bis Ende Oktober waren es 12766). Das ist ein Viertel der normalen Touristenzahlen. Dabei muss man wissen, dass als Tourist jede Person bezeichnet wird, die nicht in Grönland wohnt. Eine Unterscheidung zwischen Urlaubern und Geschäftsreisenden erfolgt nicht; ebenso sind Reisende, die mit dem Schiff oder dem Boot kommen, nicht erfasst.

Mit welchen besonderen Problemen hatten und haben Sie als Reiseunternehmen zu kämpfen?  Bekommen Tourismusunternehmen eigentlich staatliche Unterstützung, um die Krise zu überstehen? Können Sie ungefähr schätzen, wie viele Arbeitsplätze im Tourismus verloren gegangen sind?

Frau Woodall : Alle in Grönland wissen – und die Regierung hat das bestätigt – dass kein Bereich so unter der Pandemie gelitten hat wie die Tourismusbranche. Der Tourismus ist einer der Eckpfeiler der grönländischen Entwicklungsstrategie. Für das Jahr 2020 hat die grönländische Regierung den Unternehmen in der Tourismusbranche, die mindestens einen Verlust von 30 % pro Monat gegenüber 2019 erlitten haben, eine Reihe von finanziellen Hilfen zugesagt. Das betraf sowohl die Einnahmen der Unternehmen als auch die Bezahlung der Löhne von Mitarbeitern. Zusätzlich wurden Anreize geschaffen, zu Hause Urlaub zu machen. Kosten für alle Verkehrsmittel innerhalb Grönlands wurden bezuschusst. Alle hoffen, dass dies auch 2021 fortgesetzt wird. Darüber, wieviel Geld geflossen ist und wie viele Jobs verloren gingen, liegen noch keine Zahlen vor. Allein in Südgrönland gibt es ungefähr 50 Betriebe in der Tourismusbranche. Deren größtes Problem sind die vielen Stornierungen und damit verbunden die Absagen an viele ihrer einheimischen Partner. Als kleiner Ausgleich kam hier der Inlandstourismus vieler Grönländer, die sonst die sehr beliebten Reiseziele in Dänemark, Südostasien oder Spanien ansteuern. 

Viele der einheimischen Tourismusunternehmen sind Schaffarmer, die ihre Urlaubsangebote über „Farm Holiday Greenland“ anbieten, und nun glücklicherweise in der Lage waren, ihr ursprüngliches Arbeitsgebiet, die Landwirtschaft, weiter zu betreiben. Zusätzlich zu den staatlichen Hilfspaketen tat „Innovation South Greenland“ alles in ihrer Macht stehende, um unser wunderbares Netzwerk von Tourismusbetrieben in jeder Hinsicht zu unterstützen. Wir hielten unseren Sommerservice aufrecht, indem wir es vier Betrieben ermöglichten, ihre Büros zur Touristeninformation weiter offen zu halten und wir finanzierten 8 internationale Pressereisen sowie die Veröffentlichungen dieser Aktivitäten in Magazinen, Blogs und Filmen. Auch die Kampagne Urlaub im eigenen Land wurde von uns durch Werbeaktionen stark unterstützt. 

Wie sind Ihre Erwartungen in Bezug auf das Reisejahr 2021? Erwarten oder hoffen Sie, dass sich das Reisen im Sommer 2021 wieder normalisiert?  

Frau Woodall: Zu diesem Zeitpunkt ist es schwer zu sagen, wie die internationalen Reisebestimmungen im Jahr 2021 aussehen werden. Natürlich hoffe ich, dass ein sicheres Reisen im Sommer 2021 wieder möglich sein wird. Eine Rückkehr zur Normalität erwarte ich aber leider nicht. Deswegen werden wir erneut die Kampagne Urlaub im eigenen Land unterstützen, um Südgrönland als attraktives Reiseziel für Grönländer bekannt zu machen. 

Ende Januar werden die jetzt geltenden Einreisebeschränkungen erneut geprüft, und wir hoffen, dass wir dann eine konkrete Basis für weitere Entscheidungen haben werden. Im Moment heißt es noch Tee trinken und abwarten, aber wir wissen aus Erfahrung, dass sich die Dinge schnell ändern können. Die Regierung Grönlands und die grönländische Tourismusindustrie haben nun eine Taskforce gebildet, die besonders den Kreuzfahrttourismus 2021 in den Blickpunkt rückt, aber auch die Zukunft des Tourismus in Grönland generell diskutieren wird.

Können Sie  Reisenden, die noch nie in Grönland gewesen sind, jeweils eine Region für eine Sommerreise und einen Platz für eine Winterreise mit viel Grönlandfeeling empfehlen?

Frau Woodall: Ganz unvoreingenommen gesagt ist natürlich Südgrönland das beste Ziel im Sommer. Wir haben die größte Erfahrung in den Bereichen, die  Abenteuerurlauber wünschen: Segeltouren oder Kajaktouren im Eis, Wandern über das Festlandeis und Übernachtungen in gemütlichen Hütten mit einem wunderbaren Bergpanorama. Wir haben Landschaften, die man nur hier in Grönland findet. Im 18. und 19. Jahrhundert siedelten sich Missionare der neuen Herrnhuter Brüdergemeinde, die sich der Dänischen Staatskirche angeschlossen hatten, hier in Südgrönland an. Die von ihnen gegründete Missionsstation Lichtenau, die heute Alluitsoq heißt, existiert noch praktisch unverändert und ist einen Besuch wert. Unsere Fjorde, Wälder und Wiesen hier im Süden sind grüner als man es in einer arktischen Umgebung je erwarten würde. Der Reichtum an Kontrasten ist erstaunlich groß. Wir haben heiße Quellen auf einer heute unbewohnten Insel; wir haben die einzige durchgehende Segelroute von der Westküste zur Ostküste; und wir haben sowohl historische als auch lebendige Spuren verschiedener Menschen der Geschichte: aus der Dorset-Kultur, von den Nordmännern aus Skandinavien, von den Herrnhuter Brüdern, von Zuwanderern aus Ostgrönland und von den Thulefarmern, den einzigen Inuit, die Ackerbau betreiben und die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.

Was eine Reise im Winter betrifft, so sollte man dann schon in den Norden Grönlands fahren, um die wirkliche Polarnacht zu erleben. Dann weißt Du, wie stark ein Mensch sein muss, um hier zu überleben.   

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, der sich nicht auf die Corona-Pandemie bezieht, welcher wäre das? 

Frau Woodall: Allgemein wünsche ich mir, dass die Menschen neugierig und offen für andere Menschen, Kulturen und Lebensarten bleiben und sich nach der Erkenntnis der Welt sehnen.

Vielen Dank für das informative Interview! Alles Gute für 2021. 

Bitte berücksichtigen Sie, dass man Grönland nur über Dänemark (Kopenhagen) oder Island erreicht.

Über den Autor

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten gut 35 Jahren insgesamt 200.000 km per Fahrrad und ohne Motor zurück. Seine besondere Liebe gehört dem Norden, seine allererste Radtour führte ihn 1983 als 17-jährigen nach Norwegen. Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Ausstellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. In normalen Jahren zeigt er im Winterhalbjahr seine Multivisionsshows einem breiten Publiikum. Für Nordis hat er er etliche Berichte über seine Lieblingsregionen verfasst.

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