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Wie geht es weiter in 2021? Ein Rückblick und der Versuch eines Ausblicks – Island

Manchmal ergibt es Sinn, über den eigenen Tellerrand zu schauen, um die eigene Situation besser verstehen und vielleicht auch ertragen zu können. 2020 war das Jahr, in dem nicht nur viele Reiseträume zerplatzten, sondern sich viele Unternehmen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sahen und sich ständig neuen Herausforderungen stellen mussten. Die Corona-Pandemie hat nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine wirtschaftliche Seite: Viele Unternehmen erleiden Schlagseite.

Ich habe mich dieses Mal mit drei Menschen unterhalten, die in Norwegen und Island leben und im Tourismusbereich arbeiten, und sie befragt, wie sie 2020 empfunden haben und was sie für 2021 erwarten.

Die Insel aus Feuer und Eis hatte in den letzten Jahren immer neue Besucherrekorde aufgestellt. Im Jahr 2019 kamen noch ca. 2 Millionen Touristen, für 2020 kennt man die genauen Zahlen noch nicht, rechnet aber mit gerade mal mit circa einem Viertel der Besucher von 2019. Bei der Betrachtung der Zahlen sollte man immer im Auge haben, dass Island gerade mal gut 360.000 Einwohner hat.

Der Touristenboom brachte viele neue Unterkünfte und die zunehmende Erschließung der einst eher einsamen Naturschönheiten. Oft konnte die Infrastruktur mit den Besuchermassen nicht mithalten. Alte »Island-Hasen« rieben sich verwundert die Augen, und viele Isländer, die nicht vom Tourismus profitieren, fühlten sich mitunter wie eine Minderheit im eigenen Land. Im Sommer 2020 sah man erstmals wieder viele Isländer im eigenen Land reisen, und die Campingplätze waren im Juli gut besucht.

Als ich selbst von Mitte Juni 2020 an Island für zwei Monate zum sechsten Mal per Fahrrad bereiste, hatte ich das Gefühl, eine »Zeitreise« zu machen. Viele der Topattraktionen, wo zuletzt oft Busse dicht an dicht standen, waren nahezu leer und so einsam zu bestaunen, wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr. Bei meinen Gesprächen mit Einheimischen hatte ich oft das Gefühl, dass viele, die im Tourismus tätig sind, wirtschaftlich extrem getroffen sind, aber zugleich die Pandemie als Atem- und Denkpause sehen, die die Möglichkeit bietet, sich die Frage zu stellen, ob »immer mehr« wirklich der beste Grundsatz sein kann. Auf einer Insel, die stetig von Vulkanausbrüchen und anderen Naturkatastrophen geformt und getroffen wurde und wird, hatte man schon immer den Optimismus, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen und in Katastrophen auch die Möglichkeit für einen Neuanfang zu sehen. »Þetta reddast« (Anmerkung: bedeutet übersetzt so viel wie, »es wird schon gehen« oder »klappt schon«) ist das gelebte Motto vieler Isländer, wie man nicht erst seit der Finanzkrise weiß.

Über die aktuelle Situation und die Aussichten für 2021 habe ich mich mit Herrn Strumann unterhalten. 

Guten Tag, Herr Strumann. Möchten Sie sich unseren Lesern noch einmal kurz vorstellen?

Sven Strumann: Ich bin Inhaber von Kria-Tours, einem deutschen Reiseveranstalter, der sich auf die nordischen Länder spezialisiert hat, und Mitinhaber und Geschäftsführer von SPS-ferðir, einem isländischen Veranstalter von Tagestouren, der auch Ferienhäuser in Südisland vermietet. Ich lebe im Süden von Island auf einem kleinen Hof und bereise die nordischen Länder seit meiner Kindheit.

In Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas hat man zurzeit wieder einen mehr oder weniger strengen Lockdown. Wie muss ich mir das Leben in Island im Moment vorstellen? Gibt es große Unterschiede zwischen dem stärker besiedeltem Reykjavík und dem eher dünn besiedeltem Rest des Landes?

Sven Strumann: In Island hat man die Ausbreitung des Virus durch geeignete Maßnahmen zum Glück die meiste Zeit auf geringem Niveau halten können. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für diese Maßnahmen ist zum Glück sehr hoch, es gibt hier nur einige wenige Corona-Leugner. Bei der einzigen Demonstration von Corona-Leugnern in Reykjavík haben ungefähr 40 Personen teilgenommen und diese haben in den sozialen Medien erhebliche Kritik und teilweise auch sehr heftige Beschimpfungen erfahren.
Zu den Zeiten mit den meisten Infektionen wurden die Schwimmbäder und Fitnessstudios geschlossen, Restaurants und Bars durften nur noch wenige Gäste gleichzeitig bewirten und auch in Geschäften wurde die Zahl der Personen, die sich gleichzeitig darin aufhalten durften, begrenzt.
In Reykjavík hatte es zwischenzeitlich strengere Maßnahmen als im Rest des Landes gegeben. So hatten die Friseure dort längere Zeit geschlossen, was dazu führte, dass Reykjavíker versuchten, während dieser Zeit im Umland ihre Haare schneiden zu lassen, z. B. bei uns in Selfoss. Allerdings waren die Friseure angewiesen, keine Kunden aus dem Hauptstadtgebiet zu bedienen. In Reykjavík war die Zahl der Infektionen die meiste Zeit proportional höher als im Rest des Landes, einige Landesteile waren über längere Zeit komplett infektionsfrei.
Am einschneidendsten empfanden viele Isländer die Absage der großen Feste, die traditionell z. B.am langen Wochenende um den Feiertag »Verslunamannahelgi« am 1. Montag im August stattfinden. An diesem Wochenende beobachtet man sonst immer den meisten Reiseverkehr in Island.

Mit welchen besonderen Problemen hatten und haben Sie als Reiseunternehmen zu kämpfen? Ist die Saison unter Corona-Bedingungen nach Ihren Erwartungen gelaufen? Bekommen Sie staatliche Unterstützung, um die Krise zu überstehen? Viele Unternehmen im Tourismusbereich kämpfen um ihr Überleben und mussten andere Wege gehen, um zu überleben. Können Sie ungefähr schätzen, wie viele Arbeitsplätze im Tourismus in Island schon verloren gegangen sind?

Sven Strumann: Wie alle Reiseveranstalter haben wir mit erheblichen Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Mit Kria-Tours hatten wir zum Glück ein kurzes Sommergeschäft mit Islandreisen, bei den anderen von uns angebotenen Ländern betrug die Stornierungsquote nahezu 100 %. Mit Ausnahme des Kurzarbeitergeldes haben wir bislang keinerlei staatliche Hilfe bekommen.
Bei SPS-ferðir mussten wir alle Tagestouren für dieses Jahr absagen, und wir hatten 70 % weniger Gäste in den Ferienhäusern.
In Island wurden coronabedingt ca. 20.000 Arbeitsplätze abgebaut, viele Gästehäuser und Hotels kämpfen um ihr Überleben oder mussten bereits schließen. Zahlreiche Familienbetriebe hatten in den letzten Jahren erhebliche Investitionen getätigt und oftmals ihr Eigenheim als Sicherheit für die notwendigen Kredite belastet und stehen jetzt vor dem Nichts.

In den letzten Jahren hörte man immer wieder, dass Island in Bezug auf die Zahlen der Touristen immer neue Rekorde gebrochen hat. Viele Isländer und auch langjährige Besucher sahen das eher als negativ an. Liegt in dieser Krise nicht auch eine Chance, die Zahlen auf ein verträgliches Maß zu senken und mehr auf sanften Tourismus zu setzen?

Sven Strumann: Der stark gestiegene Tourismus hatte seine guten Seiten, brachte aber auch zahlreiche Probleme mit sich. Island war plötzlich auch für die Art von Reisenden, die sich schlecht vorbereiten und die Sitten und Gebräuche des Reiselandes ignorieren, ein gefragtes Reiseland. Viele Isländer reagierten geschockt darauf, dass Touristen Zelte ungefragt in Gärten aufgebauten, Campingfahrzeuge im Blumenbeet des Vorgartens geparkt wurden und zahlreiche Touristen ihr großes Geschäft nicht auf Toiletten verrichteten. Viele Sehenswürdigkeiten und Landschaften waren nicht für die stark gestiegenen Besucherzahlen geeignet und die Natur und Wanderwege nahmen oftmals erheblichen Schaden.

Die Verantwortlichen waren damit meist überfordert und teilweise wurden Maßnahmen ergriffen, die die Situation nur verschlimmerten.
In Island gibt es große Diskussionen darüber, wie man den Tourismus in Bahnen lenken kann, um die Natur zu schützen. Die einen fordern den Bau von asphaltierten Straßen auch in abgelegenen Winkeln des Landes und im Hochland, damit jeder Tourist jede Ecke und Sehenswürdigkeit einfach erreichen kann. Andere wie ich lehnen dieses ab mit dem Hinweis, dass viele Gegenden durch noch mehr Besucher zerstört würden und der Reiz des Landes dadurch verloren geht.
Meiner Meinung nach sollte das Land einen Fokus auf die Reisenden setzen, die das Land ausgiebig und langsam bereisen wollen und nicht auf die Kurzzeitreisenden, die in kurzer Zeit die aus Instagram bekannten Highlights auf ihrer Liste abhaken wollen.
Im Land gibt es momentan sehr kontroverse Diskussionen darüber, ob das gesamte Hochland Nationalpark werden soll oder nicht. Ich befürworte die Einrichtung des Nationalparks sehr, da ich einen weiteren Ausbau von Straßen und Infrastruktur in diesem besonderen Gebiet ablehne und durch den Nationalpark die Chance sehe, den Bau weiterer Wasserkraftwerke zu verhindern – obwohl letzteres angesichts der weit verbreiteten Korruption in der isländischen Politik schwer sein wird, wie der Fall des Kárahnjúkar-Kraftwerks gezeigt hat.

Whale watching in Nordisland

Wie sind Ihre Erwartungen in Bezug auf das Reisejahr 2021 konkret? Erwarten oder hoffen Sie, dass sich das Reisen im Sommer 2021 wieder normalisiert und wenn ja wann? 

Sven Strumann: Ich gehe derzeit davon aus, dass im Sommer 2021 Reisen wieder deutlich einfacher möglich sein werden als in 2020. Ich rechne allerdings damit, dass noch deutlich weniger ins Ausland gereist werden wird als in den Vorjahren. 

Wenn der Sommer kommt, welche drei Aktivitäten oder Regionen würden Sie Besuchern Islands, die die Insel erstmals erkunden, unbedingt empfehlen?

Sven Strumann: Ich empfehle eine Rundreise um die Insel in mindestens 10 Tagen, damit erhält man einen sehr guten Eindruck von den verschiedenen Landschaftsformen auf Island und kann bekannte und weniger bekannte Sehenswürdigkeiten erleben.
Wer weniger Zeit hat und z. B. nur eine Schnupperreise von 4-5 Tagen machen möchte, dem würde ich empfehlen, sich auf den südlichen Teil zu konzentrieren. Weniger ist hier deutlich mehr. Viele machen den Fehler, zu viel Programm und Fahrstrecke zu planen.
Als Aktivitäten für die erste Islandreise empfehle ich eine Walbeobachtungstour, eine Reittour und den Besuch eines Torfgehöfts.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, der sich nicht auf die Corona-Pandemie bezieht, welcher wäre das?

Sven Strumann: Dass wir einen schönen Sommer bekommen und wir unser Bauprojekt mit unseren ersten beiden neuen Nordlicht-Ferienhäusern problemlos vollenden können.

Vielen Dank für das Interview! Alles Gute für 2021. 

Über den Autor

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten gut 35 Jahren insgesamt 200.000 km per Fahrrad und ohne Motor zurück. Seine besondere Liebe gehört dem Norden, seine allererste Radtour führte ihn 1983 als 17-jährigen nach Norwegen. Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Ausstellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. In normalen Jahren zeigt er im Winterhalbjahr seine Multivisionsshows einem breiten Publiikum. Für Nordis hat er er etliche Berichte über seine Lieblingsregionen verfasst.

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