Dänemark Entdeckungen

Die Begegnung von Mensch und Robbe – Abstandsregeln am Strand

In den Sommermonaten gibt es an nordischen Stränden oft Begegnungen von Menschen und Robben. Dann kursieren auch schnell Bilder davon auf Social Media-Kanälen. Sind diese Bilder aus zu großer Nähe aufgenommen oder stehen Menschen direkt neben den Tieren, gibt es meist Zurechtweisungen – nicht immer mit gepflegten Worten. 

Bilder und Text: © Hans Klüche

Sicher gibt es Grenzen: Das Selfie »Mensch neben Seehund« ist ein No-Go, Streicheln auch. Viele, die es trotzdem machen, handeln nicht unbedingt aus bösem Willen, sondern meist aus Unwissenheit, Naivität oder aus einer übertriebenen Freude über die unerwartete Begegnung mit echter Natur heraus. Die Folgen können für das Tier im Extremfall tödlich sein. Ein von Bild.de veröffentlichter Empörungsbeitrag, in dem ein Ranger der nationalen Naturschutzbehörde einen jungen Seehund vor entsetztem Strandpublikum erschießt, macht aktuell die Runde durch diverse Social Media-Kanäle. Was der Moderatorin, die unverhohlen in solchen Fällen eine tierärztliche Rettung erwartet, wohl entgangen ist: In Dänemark gibt es keine Robbenauffang- und -aufzuchtstationen. Kann sich ein Tier also nicht mehr selbst helfen, wird es getötet, um ihm ein langes Leiden zu ersparen. 

Hans Klüche sprach mit Lasse Rosendahl, Profitaucher und Vermittler im Meeresbiologischen Zentrum Hirtshals, besser bekannt als Nordsøen, Nordeuropas größtes Oceanarium, zu dem auch ein Robbarium gehört: 

Hans: Kannst Du kurz sagen, was genau Du in Nordsøen machst.

Lasse: Ich bin Lehrer und Profitaucher. Hier arbeite ich als Vermittler und Taucher. In der täglichen Präsentation rund um unsere Seehundfütterung und in der Fütterung im Oceanarium bin ich oft der, der erklärt. Genau genommen habe ich die Aufgabe sicherzustellen, dass die Tiere Futter und die Gäste viele spannende Informationen erhalten. Wenn ich im großen Aquarium tauche, dann spreche von dort direkt zu den Zuschauern vor der Panoramascheibe über das Leben im offenen Meer.

Hans: Ihr habt hier viele Seehunde. Urlauber begegnen ihnen aber auch direkt am Strand. Geradezu ein Hotspot ist Grenen bei Skagen, wo sich eine kleine Kolonie direkt dort angesiedelt hat, wo Touristen zur absoluten Landspitze hinausgehen wollen. Wie sollten die sich dort verhalten?

Lasse: Generell sind Seehunde Säugetiere, Meeressäuger, genau wie Wale auch. Aber während sich bei den Walen das ganze Leben im Ozean abspielt, kommen Robben auch an Land. Es ist also ganz normal, dass man sie am Strand liegen sieht. Das können erwachsene Tiere sein oder auch junge. Aber egal, ob alt oder jung, lautet die Empfehlung, dass man sich mindestens 50 Meter von ihnen entfernt aufhält. Wenn es Jungtiere sind, die dort liegen, dann ist die Mutter oft auf Jagd nach Nahrung für sich selbst. Sie produziert in ihrem Körper eine sehr, sehr fette Muttermilch mit etwa 48 Prozent Fettgehalt. Um diese fette Milch zu produzieren, die die Jungen im ersten Monat ihres Lebens trinken, benötigt die Mutter selbst eine Menge Nahrung. Wenn sie sich also von dem Jungen entfernt, dann meist, weil sie sich selbst versorgt. Da kann es passieren, dass sie das Junge bis zu 12 Stunden allein am Strand liegen lässt. Dann muss man als Mensch besonders weit Abstand halten. Denn wenn die Mutter bei der Rückkehr feststellt, dass Menschen zu nah bei ihrem Jungen sind, dann kann es passieren, dass sie nicht zurückkehrt, weil sie eine Gefahr für sich selbst sieht. Das muss man immer im Kopf haben, auch wenn sich die kleinen Seehunde sehr interessiert zeigen, geradezu einladend wirken, so, als könne man leicht mal eben ein Selfie mit ihnen machen. Dass muss man einfach lassen, denn damit mischt man sich massiv in die Abläufe der Natur ein.

Hans: Was soll man denn dann machen, zum Beispiel auf Grenen, wo Urlauber traditionell raus zur Landspitze gehen, um mit einem Bein im Kattegat und einem im Skagerrak zu stehen? Da kommt man aber nicht an den Seehunden vorbei, ohne die 50-Meter-Abstandsregel zu brechen.

Lasse: Die Empfehlung ist da immer noch dieselbe. Die Tiere haben das Vorrecht. Wenn es also darum geht, ob Touristen oder Seehunde dort sein dürfen, dann ist es meine ganz klare Einstellung, dass das Wohlergehen der Seehunde an erster Stelle steht. Wenn da ein Seehund am Strand liegt, dann müssen wir Menschen mit unserem Wunsch, gleichzeitig in zwei Meeren zu stehen, eben warten, bis der weg ist. 

Hans: Ein großer Unterschied ist, dass es in Deutschland Seehundstationen gibt, wo verlassene Jungtiere aufgezogen werden, während Dänemark diese nicht hat. Kannst Du erklären, warum? 

Lasse: Der Seehundbestand ist heute so groß, dass man Heuler nicht mehr aufzieht. Vor vielen Jahren gab es das auch in Dänemark, aber damit ist komplett Schluss. Die Bestände wachsen und wachsen. Es gibt ja keine großen Raubtiere in der Nähe unserer Küste, die unseren Robben gefährlich werden. Orcas können natürlich Seehunde fressen und in ganz seltenen Fällen passiert das, aber das hat keinen Einfluss auf die Bestände. Seehunde stehen bei uns also an der Spitze der Nahrungskette, und so wächst die Population und wächst und wächst. Was wir allenfalls etwa alle 15 bis 20 Jahre erleben, ist eine Epidemie, die sozusagen die Population reguliert.

Hans: Wenn man jetzt wirklich einen Heuler in Not findet, was kann man dann machen? 

Lasse: Man kann die 1812 anrufen, das ist der Notruf der Organisation Dyrenes Beskyttelse, …

Hans: … das entspricht etwa dem Deutschen Tierschutzbund …

Lasse: … genau. Die verbinden dann mit einem Ranger des Naturschutzamtes. Der muss beurteilen, ob das Tier wirklich in Not ist. Wenn es ein Heuler ist, bei dem man annehmen muss, dass er verhungern wird, dann muss er das Tier töten. Aber es wird nicht irgendwo in Obhut genommen. 

Hans: Die Robben, die man am häufigsten in Dänemark findet, sind die, die wir im Deutschen als Seehunde bezeichnen und ihr als »spættet sæl«, direkt übersetzt »Gefleckte Robbe«. Aber es gibt doch noch die größten Raubtiere, die man überhaupt in Dänemark kennt, die Kegelrobben, eure gråsæler. Weißt Du, wie viele es von den beiden Arten gibt?  

Lasse: Das kommt etwas darauf an, welche Quellen man zu Rate zieht, aber es dürften zwischen dreizehn- und sechzehntausend Seehunden sein. Und auf etwa 10 von denen kommt eine Kegelrobbe. 

Hans: Und wo findet man die Kegelrobben? 

Lasse: Die meisten um Christiansø bei Bornholm. Aber sie zeigen sich inzwischen zunehmend auch andernorts im Land. Sie waren fast vollständig aus der dänischen Natur verschwunden, weil sie bis Ende des 19. Jahrhunderts gejagt wurden, auch als Trophäen. Aber Robben sind jetzt seit den 1970er-Jahren geschützt und so wie der Bestand an Seehunden gewachsen ist, so haben wir auch mehr Kegelrobben … 

Hans: …  gibt es die auch an der Nordseeküste? 

Lasse: Ja, vereinzelt gibt es sie hier. 

Hans: Jetzt interessiert mich zum Schluss noch eine Sache, an die ich mich aus den ersten Jahren, in denen ich über Dänemark geschrieben habe, erinnere. Damals machte es traurige Schlagzeilen, dass in Nordsøen ein Seehund starb, und bei der Obduktion fand man seinen Magen voll mit Geldmünzen, die Zuschauer ins Robbenbecken geworfen hatten. Werfen Besucher immer noch Geld ins Becken? 

Lasse: Es stimmt, wir hatten ganz früher einmal einen Seehund, der war verrückt nach Münzen und verschluckte die. Aber das erleben wir heute nicht mehr und finden auch keine Münzen mehr im Seehundbecken. Da man heute fast alles mit Kreditkarte oder Mobile-Pay per Smartphone bezahlt, hat kaum noch jemand Münzen in der Tasche.  

Hans: Das ergibt Sinn. Herzlichen Dank für das Gespräch. 


Begegnungen an der dänischen Nordsee mit Seehunden in Robbarien … 

Esbjerg: Fischerei- und Seefahrtsmuseum: fimus.dk/de
Hirtshals: Nordsøen Oceanarium: de.nordsoenoceanarium.dk

…und auf Seehundsafaris

Rømø: mit Schiff ab Havneby unter de.sortsafari.dk
Mandø oder Ribe: ab Mandø Dorf und Ribe Kammersluse mit Amphibienfahrzeug »Mandøpigen«, www.bb-mandoe.dk/turfaergen-mandopigen; ab Mandø mit Treckerbus unter www.mandoekro.dk/de
Fanø: Einige Seehunden liegen bei Niedrigwasser nahe des Fähranlegers auf Sandbänken, leicht vom Ufer aus zu sehen. Wattwanderungen mit Club Fanø zu einer Kolonie, clubfanoe.dk/de/robbensafari
Thyborøn oder Agger: mit Booten auf dem Limfjord unter jyllandsakvariet.dk/de


»Dyrenes Beskyttelse« (Tiernotruf 1812) zum Verhalten bei Entdeckung von Heulern oder älteren Robben am Strand: 

  • Halten Sie sich fern, wenn Sie junge Robben am Strand entdecken und gönnen Sie ihnen Ruhe. Es ist ein natürliches Verhalten! Es sind wilde Tiere, die sich von Menschen bedroht fühlen. Je weiter Sie entfernt bleiben, desto besser.
  • Wenn etwas nicht stimmt, hat das Tier in der Regel sichtbare Wunden oder ist sehr dünn. Dann ist es wichtig, das Tierschutzzentrum 1812 anzurufen, das anhand des Zustands entscheidet, ob es sich um eine Notlage handelt und gegebenenfalls das Umweltamt »Naturstyrelsen« informiert. Nur deren Ranger sind zum Umgang mit maritimen Säugetieren berechtigt! Bei äußeren Verletzungen hilft es, wenn man schnell ein Foto macht, das man dem Tiernotruf zusenden kann.
  • Schreiben sie zur Warnung an andere Strandbesucher deutlich sichtbar und mit Abstand in den Sand, dass sich in der Nähe ein Robbenjunges befindet, das man in Ruhe lassen soll! 

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NORDIS Redaktion

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