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Neues Museum im dänischen Ribe: HEX! Alles über Hexen, Hexerei und Hexenverfolgung

Titelbild: Auch Dänen konnten früher Voodoo: Was aber hat es mit der geheimnisvollen Puppe im Taufbecken auf sich? Das neue »HEX! Museum of Witch Hunt« in Ribe gibt Antworten.

In Skandinaviens ältester Stadt Ribe entstand in einem mehr als vier Jahrhunderte alten, verwinkelten Stadthof ein Museumszentrum mit spannenden Inhalten: Da wird ein in den USA hoch angesehener Sozialreformer und Freund des US-Präsidenten Theodore Roosevelt vorgestellt, der genau hier in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs, und seit Juli beleuchtet ein neues Museum Hexerei und Hexenverfolgung aus verschiedensten Blickwinkeln weit über den dänischen Tellerrand hinaus – Ribe war im 17. Jahrhundert Schauplatz des bekanntesten Hexenprozesses, den Dänemark je erlebte. Nordis-Autor Hans Klüche hat den Quedens Gaard besucht. 

Der Quedens Gaard in Ribe lockt rund ums Jahr als Museum und Café mit Krambude

Unter vielen Dächern – Quedens Gaard in Ribe

Das goldgelbe Haus an Ribes schmucker Fußgängerzone wirkt in jeder Hinsicht einladend: Ansehnlich die klassizistische Fassade und äußerst appetitlich, was vor der Tür auf den Tischen der Gäste steht. »Quedens Gaard – Café og Krambod« liest man auf dezenten Schildern im Fenster, während das große Geschäftsschild darüber »J.H.Quedens.« historisch ist und noch von jenem Johannes Harbo Quedens stammt, der 1834 den Kaufmannshof übernahm. 

Im Inneren hat das boomende Café den Kramladen mit Kunsthandwerk und Leckereien aber in den Hintergrund gedrängt, als ich hier im Hochsommer meinen Museumsbesuch mit einem deftigen Brunch beginne.

Absolut romantisch sind an schönen Sommertagen die Plätze im hyggeligen Innenhof und da entdeckt man schnell, dass der Quedens Gaard viel, viel mehr ist als nur das Café, das man von der Fußgängerzone aus wahrnimmt. Er entpuppt sich als verschachtelter Stadthof, über vier Jahrhunderte aus verschiedenen Gebäuden mit immer neuen An- und Umbauten zusammengewachsen und mit einem zauberhaftem Rosengarten, der am Ufer der Ribe Å endet. Auf der anderen Seite zieht sich der Quedens Gaard mit einem Mix aus Renaissance-Fachwerk und jüngeren Klinkerbauten über einen ganzen Häuserblock an der engen Sortebrødregade entlang, der Gasse der Schwarzen Brüder, wie die Dominikaner Mönche wegen ihrer schwarzen Kutten genannt wurden.

Das andere Ende des Quedens Gaard versteckt sich an einem schmalen Gässchen, in Ribe »Slippe« genannt. 

Die Auferstehung des Quedens Gaard

Der Quedens Gaard Komplex steht heute unter den Fittichen der »Sydvestjyske Museer«, der Museen der Kommune Esbjerg. Die haben in den alten Mauern auf dezente, alle Denkmalschutzauflagen erfüllende Art ein modernes Museumscenter etabliert. Diese museale Auferstehung begann 2019 mit dem »Jacob A. Riis Museum«: Der unscheinbarste Teil des Quedens Gaard Komplexes an der Sortebrødregade war im 19. Jahrhundert Elternhaus jenes 1849 geboren Jacob August Riis, den in seiner alten Heimat bis zur Eröffnung des Museums nur noch wenige kannten, um so mehr aber jenseits des Atlantik. In den USA gilt er als einer der bedeutendsten Sozialreformer im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und wurde Berater wie persönlichen Freund von Theodore Roosevelt, Anfang des 20. Jahrhunderts Amerikas 26. Präsident. Der »adelte« ihn auf sehr amerikanisch Art als »the best American I ever knew« und »New Yorks nützlichsten Bürger«. Das machte ihn zu Lebzeiten auch in der alten Heimat prominent, wo er Kontakte zu König Christian IX. pflegte. 

Vorgegeben war ihm das nicht: Riis wuchs in einfachsten Verhältnissen auf. An einer Wand im Museum sieht man Bilder seiner Eltern, der sanft wirkenden Mutter und des bekannt strengen und fordernden Vaters. Darunter 12 Kreuze – Geschwister, die als Kinder oder junge Erwachsene starben. Riis nannte sein Elternhaus einmal »vergiftet«.

12 tote Kinder – das Leben der Familie Riis war kein leichtes.

Vom Obdachlosen zu Presidents Best Friend

Jacob August Riis wanderte im Alter von 21 Jahren in die USA aus, einer von rund 300.000 Dänen. In Amerika bekam er aber längst nicht sofort Boden unter die Füße, obwohl er sich bei den Einwanderungsbehörden als 25-jähriger Bergmann ausgab, um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Eindrucksvoll zeigen im Museum Exponate, Fotos und ein sehr professionell gemachter 20-Minuten-Film seine Verwirklichung des amerikanischen Traums von der Leidenszeit als Obdachloser im Schmelztiegel New York über den Aufstieg zum Polizeireporter, Bestsellerautor und Vortragsredner bis zum Präsidentenberater. 

© Museum of the City of New York/Jacob Riis Museum Ribe

Rund 130 Jahre alte Fotos aus den Slums von Manhattan – Fotograf: Jacob Riis aus Ribe.

Das Museum zeigt aber nicht nur den Menschen Jacob August Riis, es führt mit etlichen seiner berührenden Fotos, von denen etwa 730 im Original erhalten und im Besitz des Museum of the City of New York sind, in ein düsteres New York Ende des 19. Jahrhunderts. Als Polizeireporter in den Slums von Manhattan richtete Riis immer wieder seine Kamera auf die Armut und das Elend der Wirtschaftsflüchtlinge aus Dänemark, Deutschland und Italien und wurde so Vorreiter sozialdokumentarischer Fotografie und Reportagen. Als einer der ersten Fotografen überhaupt benutzte er dabei den gerade aufkommenden Blitz, um in dunkelster Nacht das Elend auf seine Bildplatten zu bannen. Dabei redete Riis sein fotografisches Schaffen selbst oft »klein«: »I am no good at all as a photographer.«

Jacob A. Riis füllte mit Vorträgen über die sozialen Ungerechtigkeiten – »The Battle With The Slum« – große Hallen in den USA und setzte dabei eine Laterna Magica ein. Museumschef Flemming Just erklärt gerade deren Prinzip.

Nicht die Menschen sind schlecht, nur ihre Lebensumstände

Aus seinen Reportagen entstand 1890 »How the Other Half Lives«, ein Bestseller und längst auch Klassiker. Das Buch – natürlich auch Exponat in der Ausstellung – stößt eine Debatte über die erbärmlichen Lebensbedingungen im Einwanderermilieu an und macht den redegewandten Riis zum begehrten Redner, der bei seinen Vorträgen großformatige Projektionen seiner Fotos zeigt. So erreicht er die weiße, protestantische Mittelschicht in den Städten der USA und überzeugt sie, dass die armseligen Einwanderer nicht als Menschen schlecht sind, sondern nur ihre Lebensumstände und das von deren Verbesserung die gesamte amerikanische Gesellschaft profitieren würde – spätestens da merkt man, dass es bis heute anregend sein kann, diesen großen Amerikaner mit dänischen Wurzeln zu entdecken.

Hexenjagd – das zweite Museum im Quedens Gaard

Details im HEX:

Im Juli 2020 öffnet im Quedens Gaard das zweite neue Museum: »HEX! Museum of Witch Hunt« über die Hexenverfolgung in Dänemark wie in Europa vom 16. bis ins 18. Jahrhundert hinein. Ribe ist dafür ein guter Standort, denn hier fand Dänemarks spektakulärster Hexenprozess um die Schneidersfrau Maren Spliid statt. Grundsätzlich versuchten Menschen dieser Zeit zu verstehen, wenn Außergewöhnliches im Guten wie im Schlechten passierte. War es zu schwer oder gar nicht zu begreifen, half Magie, dies zu erklären, weiße bei guten, schwarze bei schlechten Ereignissen. Magische Rituale und Gegenstände wurden als Heilmittel oder zum Schutz vor dem Bösen genutzt. Ging trotzdem etwas schief, kam schnell ein weiser Mann oder eine weise Frau, die man kurz zuvor noch um Hilfe bat, in den Verdacht, dem Bösen als Hexe zu dienen. Hexenverfolgungen, Hexenprozesse und Hexenverbrennungen waren die Folge und sind Themen im neuen Museum, präsentiert mit modernen Konzepten und hervorragender Audiotechnik, die jedem Besucher individuell alle Erklärungen auch auf Deutsch liefert. Besonders imponierte mir die Bibliothek der schwarzen Bücher, zwischen denen verschiedene Exponate platziert sind: Eine Totenhand, mit der man sich Hexen unsichtbar machen konnten, oder Daumenschrauben, die in Ribe als echte Folterinstrumente benutzt wurden. 

In jedem Balken ein Kreuz als Schutz gegen das Böse – Zeugnisse alten Aberglaubens findet man noch an vielen Häusern in Ribe. 

Das Museum revidiert derweil manches Laien-Vorurteil über diese schauerliche Epoche: Nicht nur Frauen waren Opfer der Hexenverfolgung. Im Norden Europas war der Anteil der Männer, die der Hexerei angeklagt und nach einer Verurteilung verbrannt wurden, überdurchschnittlich hoch. In Island – damals dänische Kolonie – lag er bei rund 90 Prozent, in Finnland bei etwa der Hälfte. Es waren auch nicht katholische Länder im Süden, in denen die meisten der rund 50.000 Opfer des Hexenwahns auf die Scheiterhaufen kamen, sondern Königreiche und Fürstentümer in Mittel- und Nordeuropa – Schottland war Hotspot, Dänemark und Norwegen überdurchschnittlich aktiv, die Zahlen in Spanien und Portugal indes unbedeutend. 

Hätten Sie diese Verteilung erwartet? Die weißen Länder im Süden erlebten kaum Hexenverfolgungen, die grauen und schwarzen in Mittel- und Nordeuropa indes sehr viele.

Ribes Upperclass und die letzte Hexe

Innerhalb Dänemark war Ribe Hochburg der Hexenverfolgung und eine Ergänzung zum Besuch im »HEX! Museum of Witch Hunt« wäre ein Bummel ins Gewirr der Straßen und Gassen um den alles überragenden Dom, dorthin wo früher Ribes Upperclass zu Hause war. Vor einem halben Jahrtausend lebte am Domplatz, in jenem Haus, das heute die Glas- und Keramikkünstlerin Erna Møller als Atelier nutzt, der Luther-Schüler, langjähriger Bischof von Ribe und Reformator Dänemarks Hans Tausen. Nur ein paar wenige Meter entfernt belegt eine Gedenktafel am Maren Spliids Hus, dass mit der Reformation das dunkelste Kapitel Mittelalter aber noch nicht geschlossen war: »Hier wohnte Schneider Laurids Spliid, dessen bedauernswerte Frau Maren am 9. November 1641 auf dem Galgenhügel von Ribe wegen Hexerei verbrannt wurde.«

Eine Gedenktafel erinnert an Dänemarks spektakulärsten Hexenprozess. 

Den Fall der Maren Spliid visualisiert das neue Museum mit modernsten visuellen Hilfsmitteln. Er machte Furore, weil die Beschuldigte eine bestens ins Bürgertum der Stadt integrierte Frau eines reichen Schneiders war. Ein beruflich gescheiterer und von Neid zerfressener Konkurrent ihres Mannes denunzierte sie als Hexe. Dank ihrer Position in der Stadtgesellschaft konnte Maren sich lange gegen die Vorwürfe wehren, doch ihr Widersacher wandte sich direkt an Christian IV. und fand überraschend Gehör. Dieser Christian war einer der profiliertesten Dänenkönige, prägte als eifriger Renaissance-Bauherr Kopenhagen, war aber auch abergläubisch und wollte sich vor Kollegen auf anderen europäischen Thronen als eifriger Kämpfer gegen dunkle Mächte profilieren. So ließ er das Verfahren gegen Maren Spliid wieder aufrollen. Die kam in Isolationshaft und gestand nach neun Monaten unter erbärmlichsten Bedingungen, was ihre Peiniger hören wollten: »Ich bin eine Hexe«. Im HEX! erfährt man dann Überraschendes: In Dänemark wurde immer erst nach diesem ersten Geständnis richtig mit dem Foltern begonnen, um das ganze Ausmaß der dunklen Umtriebe und die Namen von Beteiligten zu erfahren.

In der alten »Kongelige Toldkammer« von Ribe soll noch ein Museum im Quedens Gaard Komplex entstehen.

Mit dem Museum zur Hexenverfolgung haben die Vestjyske Museer ihren Quedens Gaard Komplex noch nicht ganz gefüllt. Ein weiteres Gebäude mit Zugang von der Fußgängerzone aus, in dem früher die Zollverwaltung zu Hause war, soll wahrscheinlich 2022, spätestens 2023 als »MAGI – Museum af Magic and Witchcraft « fertig werden, so umriss Museumsdirektor Flemming Just gegenüber Nordis die Zukunftspläne. Dort sollen dann auch die neuen Hexen mehr Raum bekommen, jene jungen, starken Frauen, die sich unter alten Hexensymbolen aufmachen, in unserer Zeit anders zu sein. 

Museumsdirektor Flemming Just ist stolz darauf, wie der historische Quedens Gaard zum modernen Museumszentrum wurde – diese gusseiserne Treppe wurde extra in Deutschland handgefertigt. 

Das i-Büro in Ribe (oben links) informiert über Attraktionen, Restaurants und Unterkünfte, sogar die im alten Knast.

Das sollte man beim Besuch im Quedens Gaard wissen:  

VisitRibeEsbjerg – Ribe Velkomstcenter: Torvet 3, 6760 Ribe, tgl. 9–22 interaktiv, mit Personal min. Mo–Fr 9–16 Uhr.
Rabatte: Die »Benefits For You-Karte« erhalten Gäste der meisten Unterkünfte der Region kostenlos und bekommen damit Ermäßigungen bei Eintritten, Stadtführungen oder Exkursionen. 

Die Museen: Jacob A. Riis Museum
(85 DKK/ca. 11,50 € ab 18 Jahre, darunter gratis) und HEX! Museum of Witch Hunt
(100 DKK/ca. 13,50 €) bieten auch ein Kombiticket (135 DKK/ca. 18 €). 

Parkplätze in der Altstadt sind rar, aber nur einen kurzen Fußweg vom Quedens Gaard kann man an der Sct. Peders Gade mit Parkscheibe bis 4 Std. gratis parken, auf weiteren Parkplätzen, zu Fuß nur wenige Minuten mehr zu laufen, bis 48 Std.. (Stadtplan mit allen Parkplätzen). 

Zeugnis großer Geschichte: Der Dom von Ribe

Ribe Fakten:

Nach offizieller Lesart entstand Ribe 710 n. Chr. als Handelsplatz und gilt somit als älteste Stadt in Nordeuropa. 860 entstand hier Skandinaviens erste christliche Kirche, 100 Jahre später war Ribe Bischofssitz. Zu Boomzeiten gab es über ein Dutzend Kirchen, neun Klöster und eine Königsburg für den »Reisehof« in der Stadt. Heute stehen über 100 historische Bauten unter Denkmalschutz, viele aus den Jahren nach dem letzten großen Stadtbrand 1580. Aktuell leben etwa 8.300 Menschen in Ribe, das 2007 im Zuge einer Gebietsreform die Selbständigkeit verlor und heute Teil der Kommune Esbjerg ist. Dank einer Außenstelle des Standesamtes Esbjerg kann jedoch in Ribes historischem Rathaus weiterhin romantisch geheiratet werden, was viele binationale Paare auch aus Deutschland gern nutzen – mehr auf www.heiratenribe.de.

Die Fundamente des »Kannikegården« – Kantine der Chorherren – aus dem 12. Jh. ist einer der ältesten nachgewiesenen Ziegelsteinbauten im Norden.

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Über den Autor

Hans Klüche

Hans Klüche lebte mehrere Jahre in Dänemark und berichtete von dort als freier Auslandskorrespondent für öffentliche rechtliche wie private Hörfunksender. Als er aus familiären Gründen wieder nach Deutschland zog, blieb er dem Land als Autor und Fotograf treu und schreibt jetzt regelmäßig im Nordis-Magazin über das kleine Königreich. Zur Recherche durchstreift er es immer wieder von Felseninseln der Ertholmene ganz im Osten bis zu den rauen Stränden der Nordseeküste. Hans verfasst jedes Jahr den Dänemark-Teil des »Nordis Skandinavien Reisehandbuch« und hat auch sonst zahlreiche Reiseführer, Bildbände und sogar ein Hörbuchmanuskript geschrieben. Außer über Dänemark veröffentlichte er schon über Island, Norwegen und Neuseeland. Alle Titel finden sich auf seiner Autorenseite bei einem großen Online-Händler (www.hans-klueche.de). Aktuell Lieferbar sind u.a. »DuMont Reisehandbuch Dänemark«, »DuMont Reisetaschenbuch Dänemark Nordseeküste«, »DuMont direkt Kopenhagen« und über das Traumziel auf der anderen Seite der Erde das »DuMont Reisehandbuch Neuseeland«.

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