Island Rundreisen

Durch Islands einsamen Osten per Fahrrad

Island im Corona-Jahr

Ein Erlebnisbericht von Reinhard Pantke (© Text & Fotos)

Ca. 2 Millionen Touristen haben Island im Jahr 2019 besucht, in diesem Jahr sollen es maximal 200.000–300.000 werden. Vielleicht werden es aber noch weniger, wenn sich die Corona-Pandemie wieder zum Schlechteren entwickelt. Die Straßen sind viel leerer, und auf den Parkplätzen findet man keine großen Reisebusse mehr – die Heerscharen der nur schnell von Highlight zu Highlight eilenden Menschenmassen fehlen in der Corona-Krise. Trotzdem sind viele Plätze natürlich nicht menschenleer, in vielen Gegenden entdecken jetzt die Isländer ihr eigenes Land wieder und füllen die Campingplätze! In typischen Touristenorten haben viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren, viele Firmen sind pleite gegangen, aber die Menschen hier sind an Krisen gewöhnt und gehen sie oft mit einem realistischen Optimismus an – »þetta reddast« ist das Lebensmotto, übersetzt heißt das so viel wie: »Es wird schon irgendwie klappen.« Was bleibt den Isländern auch anderes übrig? Sie leben auf einer Insel, die von Vulkanausbrüchen und anderen Naturgewalten noch heute geprägt wird, und ein »grummeliger« Vulkan, der mit den Muskeln spielt, kann einfach alles lahmlegen. 

Erstaunlicherweise erzählen mir auch viele betroffene Isländer, die im Tourismusbereich arbeiten, dass sie in Bezug auf den Tourismus dieses ruhigere Jahr gut finden und das »immer mehr und immer schneller« auch nicht das Leitmotiv für die Jahre nach der Corona-Krise sein sollte. Eine Reiseleiterin beklagt sich bei mir z. B. über Touristen, die eine Reittour nur buchen, weil sie ein Reiterbild von sich haben wollen und dann schnell das Interesse am eigentlichen Erlebnis und dem Reiten verlieren. Dabei geht es eben nicht um das Abarbeiten von »Highlight-Listen«, die man sich zuvor auf Instagram, Facebook & Co. besorgt hat und die nun abgehakt werden. Vielleicht gibt uns Corona auch eine längere Denkpause und die Möglichkeit, unser Verhalten stärker zu hinterfragen.

Der wilde Osten! 

Doch der Reihe nach – und zurück zu meiner Radreise. Nachdem das Ergebnis meines Corona-Tests da war (Anmerkung: bis Mitte Juli wurden Deutsche noch bei Ankunft getestet), ging es am nächsten Tag gleich zur ersten »Reifeprüfung«. Es geht von Seyðisfjörður aus den zweithöchsten Pass Islands nach Egilsstaðir. Direkt hinter dem Fährort beginnt der Anstieg auf den über 620 m hohen Pass. Langsam schaffe ich Höhenmeter für Höhenmeter und bekämpfe den inneren Schweinehund erfolgreich; in Dänemark ging es nie höher als auf den nächsten Deich hinauf. Nach fast 25 Grad in Dänemark, fühle ich mich nicht nur wegen der Schneereste am Wegesrand bei 7 Grad eher an den deutschen Spätwinter erinnert. Doch irgendwann taucht aus den Wolken die Aussicht über den tief unter mir liegenden See Lagarfljót auf. Wer um den von Gletscherflüssen milchig-trüb gefärbten See fährt, kann sein Vorurteil vom waldlosen Island widerlegen und in Atlavik sogar in einem herrlichen Wäldchen unter Bäumen zelten! 

Hallormsstaður ist der größte Wald Islands und Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt worden. Neben den dominierenden einheimischen Birken gibt es hier einige eingeführte Exoten, die Höhen von 20 Metern erreichen! Besonders an den Wochenenden zieht es Isländer, die auch mal einen Waldspaziergang machen wollen, in Scharen dorthin. Islands Küsten sind im Mittelalter auf Höhen von bis zu 400 Metern bewaldet gewesen. Dieser Wald verschwand nicht nur wegen des sich verschlechternden Klimas, sondern auch wegen der Schafe. Heute forstet man vielerorts fleißig auf, die kurzen Vegetationsperioden lassen aber alles nur langsam wachsen!

Ab in die Einsamkeit

Das schlechte Wetter bringt mich dazu, einen Umweg zu einem Gästehaus zu machen. Das Gästehaus ist ein etwas abseits der Straße gelegenes Haus, in dem ich der einzige und wohl erste Gast seit langer Zeit bin. Da es am nächsten Tag bei 5 Grad stürmt und schüttet, fahre ich nicht weiter – auch wenn der nächste Laden mindestens zwei Tagesetappen entfernt ist. Die Wirtin kommt herein und fragt mich freundlich lächelnd, ob ich noch irgendetwas brauche. Neben dem verlangten Liter Milch schenkt sie mir ungefragt eine ganze Packung Steaks. Am nächsten Tag strampele ich bei besserem Wetter weiter in das fast unbesiedelte Innere und biege auf die alte Straße 1 ins Hochland ab.

Einige der tief geschotterten Wellblechpisten-Steigungen sind mit 12-14 % einfach zu steil für meinen mit 35 kg beladenen »Schwerlaster«; ich schiebe kurze Passagen. Die raue Straße folgt dem Verlauf der alten Ringstraße und nimmt im Gegensatz zur neuen Ringstraße so ziemlich jeden Anstieg in der Landschaft mit. Irgendwann hält sogar ein mitleidiger Bauarbeiter an und bietet mir eine Mitnahme an, die ich aus Stolz ablehne. Es geht zur Möðrudalur, der höchst gelegenen Farm Islands, wo ich bei Sonnenschein die Aussicht bis zum markanten Vulkan Herðubreið genieße. Mit ein bisschen Glück sieht man hier am Abend auch ziemlich zahme Polarfüchse herumlaufen. 

Die Wetterwechsel auf Island könnten kaum extremer sein. An einem Tag ist man mit T-Shirt und kurzer Hose unterwegs, und die Sonne lässt alles in satten Farben erstrahlen. Am nächsten Tag dann lassen graue November-Wolken, kalter Nordwind und Temperaturen unter 10 Grad Gedanken an den Herbst aufkommen. Die größte Herausforderung einer Radtour auf Island sind die heftigen und unberechenbaren Winde. Selbst auf flacher Strecke schleiche ich gegen den Wind mit vollem Krafteinsatz mit 8-10 km über die Ebene, durch die sich die Straße schnurgrade zieht. Als endlich die Straße nach Westen abknickt, stehen die endlosen Lupinenfelder im fast surrealen Kontrast zu den mondähnlichen Geothermalfeldern vor dem Mývatn. 

Am Mývatn

Es ist ruhig am See. Einer der Campingplätze, an dem die Zelte im Normalfall dicht an dicht stehen würden, macht jetzt grade auf. Ich kann mein Glück kaum fassen, Mývatn heißt eigentlich »Mückensee«. Doch eine kleine Brise hält die kleinen Plagegeister, die sonst oft in Tornadostärke auftreten, auf dem Boden und das Thermometer zeigt fast »tropische« 18 Grad im Schatten.

Jetzt Anfang Juli verschwindet die Sonne gegen Mitternacht und taucht um 2.30 Uhr morgens wieder auf. Der Mývatn ist eine dieser Muss-Stationen Islands, für die man sich unbedingt zwei oder drei Tage Zeit nehmen sollte. Nirgendwo sonst kann man die vulkanischen Wunderwelten Islands so kleinräumig erleben wie rund um den See. Auch wer keine sportlichen Ambitionen hat, kann den See auf recht flachen und guten Straßen in knapp 40 km mit Leihrädern umrunden. Rund um den See gibt es eine Fülle von dunklen Lava-Burgen, heißen Quellen, Kratern und kleinen Wäldchen und sogar geothermale Kraftwerke. Der See ist zudem weltbekannte Heimat für Millionen von Vögeln, die kleinen Plagegeister sind dabei wichtige Nahrungsquelle.

Wer es sich am Ende eines langen Tages richtig gut gehen lassen möchte, kann in das herrlich warme Wasser des »Mývatn Nature Bath« eintauchen. Wie es nach zwei Tagen mit der Radtour weitergeht, lesen Sie in der nächsten Folge …

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